Achtung Schlägertyp: Im Golfclinch mit Axel Schulz

Achtung Schlägertyp: Im Golfclinch mit Axel Schulz
Bitte nicht hauen! Ex-Schwergewichtsboxer Axel Schulz trägt mittlerweile nur noch einen Handschuh. Foto: Mike Wolff

Mit Fäusten hätten wir gegen Axel Schulz keine Chance. Ein Glück, dass der ehemalige Schwergewichtsboxer uns zu einem Schlagabtausch auf den Golfplatz eingeladen hat. In Bad Saarow, wo er geboren ist, überrascht der „weiße Riese“ nicht nur mit seinem Outfit.

Die Lady passt ins Bild. Axel Schulz wollte sich partout nicht aufwärmen. Er sei überzeugter Kaltstarter, hat er vor dem ersten Abschlag klargestellt. Und dann das: Schulz‘ Hieb mit dem 3er-Holz streift den Ball so hauchdünn, dass dieser nach wenigen Metern im hohen Gras verkümmert – noch deutlich vor dem Damenabschlag. „So fängt dit hier immer an“, relativiert Schulz und grinst.

Zum Golfduell mit dem Tagesspiegel ist der ehemalige Schwergewichtsboxer überraschend in blauen Shorts und pinken Kniestrümpfen angerückt. So etwas sieht man auf Golfplätzen selten. Die quietschige Montur ist das Erkennungszeichen der Partysanen, einer eingeschworenen Splittergruppe der GOFUS, denen sich Schulz vor Jahren angeschlossen hat. Bei pinken Strümpfen – was will man da anderes erwarten als eine Lady?

Hups! Die Runde beginnt für den „weißen Riesen“ mit einer Lady. Foto: Mike Wolff

Schulz vollbringt allerdings das Kunststück, seine Ehre noch am ersten Loch des Bad Saarower Arnold Palmer Platzes wiederherzustellen. Zwei ausgezeichnete Schläge mit seinem Hybrid, dann ein langer, gefühlvoller Putt, der 40 Zentimeter vor dem Loch zum Liegen kommt. Der Rest ist Formsache. Schulz gewinnt das erste Loch und ballt gleich die Faust. Er ist noch immer ein Kämpfer. Pinke Strümpfe hin oder her. Der weiße Riese, so sein einstiger Kampfname, ist auf dem Golfplatz zu Riesentaten in der Lage. Ein Schlägertyp im besten Sinne.

Schulz hat zuhause ein Grün im Garten

Für Schulz ist es ein Heimspiel. Der 52-Jährige ist in Bad Saarow geboren, das Resort am Scharmützelsee sein golferisches Zuhause. Seit 15 Jahren schwingt er die Schläger, angefangen mit einem Platzreifekurs im Golf & Country Club Leipzig. „Ich habe denen damals gesagt, das müssen wir an einem Wochenende hinkriegen“, erinnert sich Schulz. Im Anschluss sei er direkt zu einem Charity-Turnier nach Kitzbühel gereist. Er spielt aber nicht nur, wenn die GOFUS oder Eagles rufen, Schulz ist Vielspieler, golfverrückt. In Frankfurt an der Oder, wo er mit seiner Familie lebt, hat er ein Grün im Garten, mit vier Fahnen, einem Bunker, dessen Drainage er selbst angelegt habe.

Sandbunker statt Sandsack: Axel Schulz zeigt sich vom Hindernis unbeeindruckt. Foto: Mike Wolff

Mit Sand kennt Schulz sich gut aus, wie er beweist. Auf der zweiten Bahn nagelt er seinem Ball aus dem Fairwaybunker 120 Meter weit direkt neben die Fahne. Er reißt beide Fäuste in den Himmel und ruft: „Ich gebe dir hier Unterricht, das gefällt mir.“ Unterricht habe er auch selbst reichlich genommen. „Früher hatte ich in jeder deutschen Stadt einen Pro“, sagt Schulz. „Aber jeder hat mir etwas anderes erzählt, deshalb habe ich irgendwann aufgehört, Stunden zu nehmen.“ Immerhin war nicht alles umsonst: Nach Loch zwei liegt Schulz zwei auf. Mit einem breiten Grinsen bemerkt er auf dem dritten Abschlag: „Habe ich schon wieder die Ehre? Ist das geil.“

Den Driver an einen Freund verliehen

Einen Driver hat er nicht in der Tasche. „Den habe ich an einen Freund verliehen“, sagt Schulz. Stattdessen nimmt er für die Abschläge fast immer ein 3er-Holz, das den Ball zwar nicht so weit schlägt, aber eben auch nicht so weit in den Wald. Denn Schulz streut vom Tee aus mehr als Bad Saarows kommunaler Winterdienst.

Seine zwei größten Schwächen im Golf seien das Finden der Bälle und das Zählen, sagt Schulz. Foto: Mike Wolff

Als die Partie nach neuen Löchern wieder ausgeglichen steht, entschuldigt sich Schulz erst kleinlaut: „Ich lasse meist mit der Zeit nach.“ Wann genau? „Gegen schwache Gegner nie“, platzt es mit einem Lachen aus ihm heraus. Trashtalk oder psychologische Kriegsführung – egal wie man es nennt – beherrscht Schulz besser als seine Hölzer.

Schulz ist ein verkannter Charakter

Er selbst sagt, seine zwei größten Schwächen beim Golf seien das Finden der Bälle und das Zählen. Im Zweifelsfall schreibe er sich einen Schlag mehr auf. „Bescheißen zeigt den Charakter“, ist Schulz überzeugt. Sein Charakter zählt wohl zu den am stärksten verkannten und unterschätzten im deutschen Sportzirkus. „Der weiße Riese“ ist in den Augen vieler ein weicher Riese. Einer, der immer verloren hat, zumindest wenn es um WM-Titel ging wie gegen George Foreman und Francois Botha 1995 oder gegen Michael Moorer im Jahr darauf. Einer, dem die harten Schläge seiner Gegner die Birne weichgemacht haben.

Es kann ja nicht alles fallen: Schulz ist mit Leidenschaft dabei, aber nicht verbissen. Foto: Mike Wolff

In Wirklichkeit ist Schulz ein eloquenter Typ. Die zahlreichen Frotzeleien entspringen bei ihm einer allgemeinen Fröhlichkeit und keinem krankhaften Geltungsbedürfnis. Schulz ist ein angenehmer Begleiter auf dem Golfplatz, nicht verbissen, immer für einen Spruch gut. Abseits des Golfplatzes ist er ein umtriebiger Unternehmer, der nüchtern kalkulieren kann und der bald 100 Produkten – die meisten darunter Lebensmittel – als Lizenzgeber seinen Namen verleiht.

„Keiner hat aus Niederlagen mehr gemacht“

„Ich verkoste, verfeinere und bin meist an der Entwicklung beteiligt“, betont er. Schulz‘ Konterfei lacht einen von Suppen, Grillsaucen, Müsli und sogar Schnittlauchtöpfen entgegen. Irgendwie hat er es verstanden, einen Kult um sich zu kreieren, der bis heute anhält. Ein bekannter Berliner Golflehrer sagt über Schulz: „Keiner hat jemals aus Niederlagen mehr gemacht als er.“

Vor lauter Business-Talk ist Schulz im Duell mit dem Tagesspiegel ins Hintertreffen geraten. Eindrucksvoll war eine weitere Lady an Loch 13, gefolgt von vier Schlägen aus dem tiefen Gras, die ihn nur fünf Meter weiterbrachten. Leider zahlen sich solche Schlaggewitter beim Golf nicht aus. Nach 15 gespielten Bahnen liegt der Hüne zwei Löcher zurück. Der Schwergewichtler, der einst bis zu 110 Kilogramm auf die Waage brachte und heute noch 96, er wankt. Fällt er?

„Guckt mal zu, so einen sieht man selten“, kündigt er auf dem Tee von Bahn 16 an. Dann senst er mit seinem Eisen so tief unter den Ball durch, das dieser fast mit Schnee bedeckt wieder vom Himmel fällt. Tatsächlich eine kleine Attraktion. Mit dem vierten Schlag versenkt Schulz den Ball zum Lochgewinn und macht das Match nochmal spannend.

„Ich gebe dir hier Unterricht. Das gefällt mir“, sagt Schulz. Foto: Mike Wolff

Vielleicht denkt er schon ans kühle Siegerbier. Jedenfalls erzählt Schulz jetzt, dass er mal zwei Jahre lang märkischer Bierkönig gewesen sei. Etwas, das es gar nicht gab, bis die Väter der Idee an Schulz herantraten und ihn fragten, ob er ein Dutzend regionaler Kleinstbrauereien als erster Brandenburger Bierbotschafter zu mehr Bekanntheit verhelfen würde. „Einmal im Leben Erster sein“, sagt Schulz und macht dabei große Augen. „Da habe ich natürlich nicht nein gesagt.“ Mittlerweile vertreibt er selbst ein handwerklich gebrautes Pils, Name: Schuuulz.

„Ich habe zwar geboxt wie ein Mädchen, aber…“

Deutlich überraschter sei er gewesen, als ihn ein Herr anrief und fragte, ob er auch Blumen  verkaufen könne. „Dem habe ich gesagt: Hör mal, ich habe zwar geboxt wie ein Mädchen, aber Blumen, das geht jetzt ein bisschen zu weit.“ Der Anrufer sei in seinen Plänen schon weit fortgeschritten und deswegen hartnäckig gewesen. Das Produkt: Axels Veilchen, auf dem Blumentopf eine Schulz-Karikatur mit blauem Auge. Schulz konnte drüber lachen, sagte ja. Die Veilchen hätten sich bei Aldi zehntausendfach verkauft.

„2auf1“ tut offenbar nicht so doll weh wie ein rechter Haken von Francois Botha. Foto: Mike Wolff

Gegen den Tagesspiegel kommt Schulz allerdings nicht mit einem blauen Auge davon. Für den Lokalmatador wird es an diesem Tag der zweite Platz, das steht nach Bahn 17 fest. Aber Schulz, so scheint es, schmerzen Niederlagen im Golf nicht. Wer im Boxring auf die Zwölf bekommen hat, der lacht über „2auf1“. Auf der verwaisten Terrasse vor dem geschlossenen Bad Saarower Clubhaus kann Schulz schon wieder vom Golf schwärmen. „Ein toller Sport“, sagt er und streckt dem Tagesspiegel eine Zigarre entgegen. Auf der Siegerzigarre, eine letzte Frotzelei, steht Schulz.

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