Berlins vergessene Sport-Väter

Berlins vergessene Sport-Väter
Hügeliges Gelände: So sah Berlins erster Golfplatz am Spandauer Damm aus.

Andrew Pitcairn-Knowles und Horace Francis Simon ist es zu verdanken, dass Golf vor 125 Jahren in Berlin Fuß fasste. Ihre beachtlichen Verdienste auch um andere Sportarten liegen weitgehend im Dunkeln, ihre Namen sind fast vergessen. Eine Würdigung von Golf-Historiker Olaf Dudzus aus Potsdam.

Berlin rühmt sich zu Recht seiner innovativen Gründerszene, neudeutsch Startups genannt. Schon in der Zeit um 1900 war Berlin tonangebend in Naturwissenschaften, Medizin und Technik. Zudem hat sich Berlin einen unangefochtenen Ruf als international profilierte Sportstadt erarbeitet. Noch vor rund 125 Jahren war die Sportszene allerdings überschaubar. Turnen, Laufen oder sogar Gepäck-märsche über Hunderte Kilometer erfreuten sich unter deutschen Sportsmännern einer gewissen Beliebtheit. Fußball, Tennis, Hockey oder Golf waren entweder unbekannt oder verpönt. Das sollte sich schlagartig ändern, als eine Startup-Szene der besonderen Art in Berlin Fuß fasste.

Im Jahre 2003 veröffentlichte der Tagessspiegel unter der Überschrift „Pioniere ohne Arierschein“ einen Beitrag über Berlins vergessene Fußballpioniere. Persönlichkeiten wie Walter Bensemann, Fred und Gustav Manning oder John Bloch, dem Vorsitzenden des Deutschen Fußball- und Kricket-Bundes, wurden dem Vergessen entrissen. Dabei beschränkte sich diese noch wesentlich größere Gruppe junger Männer nicht auf das Fußballspielen. In den Studentenclubs wurde einfach alles ausprobiert. Tennis, Hockey, Kricket, Schlittschuhlaufen und der neuste Import von der Insel, der Golfsport, wurde bei den jungen Leuten populär.

Olaf Dudzus, Golf, Historiker
Der Potsdamer Olaf Dudzus beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Geschichte von Golf in Berlin und Brandenburg. Foto: Privat

Tonangebend waren einmal mehr „Engländer“, die ihre Sportbegeisterung auch in ihrer Wahlheimat ausleben wollten. Zwar waren diese bei genauerem Hinsehen deutscher als vermutet, durch ihre britische Lebensweise waren sie für alle „Sports“ jedoch empfänglicher als die Berliner Jungs. Impulsgeber für nicht weniger als sieben Clubgründungen war dabei Andrew Pitcairn-Knowles, ein in Rotterdam und Wiesbaden aufgewachsener Sprößling einer Berliner Opernsängerin und eines schottischen Textilkaufmanns.

In Wiesbadener Zeiten hatte dieser bereits die Bekanntschaft mit Fred und Gustav Manning gemacht, die dem Fußballsport und seiner professionellen Organisation (Gründung des DFB im Jahre 1900) später auf die Sprünge halfen. Zu diesem Kreis gehörte auch Horace Francis Simon, frischgebackener Ingenieur der Elektrotechnik, der seine Brötchen mit dem Bau der „Elektrischen“ – damals die übliche Bezeichnung für Straßenbahnen – bei einem Vorgängerunternehmen der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft (AEG) verdiente.

1894 wurde der Charlottenburger Golfclub gegründet

Die erste Begegnung von Pitcairn-Knowles und Simon fand vermutlich im English Football Club oder im 1893 von Pitcairn-Knowles gegründeten Akademischen Sportclub (später Gründungsmitglied des DFB) statt. Diese Begegnung sollte für die Geschichte des Berliner Golfsports geradezu schicksalhaft werden. Im Mai 1894 gründen die beiden gemeinsam mit dem eingangs erwähnten John Bloch und drei weiteren Studenten der Königlich Technischen Hochschule (heute TU Berlin) den Charlottenburger Golfclub, aus dem der heutige Golf- und Land-Club Berlin-Wannsee hervorgehen sollte.

Ein Jahr später gründen die beiden als Compagnons mit der Illustrierten „Sport im Bild“ eine der erfolgreichsten deutschen Sportzeitungen. Neben Fred Mannings „Lawn Tennis und Golf“ wurde „Sport im Bild“ (später noch ergänzt um „Sport im Wort“) zu „dem“ Sportnachrichtenblatt für Deutschland und Österreich. Der Gründlichkeit der Berichterstattung verdanken die Sporthistoriker profunde Kenntnisse über das Sport- und Gesellschaftsgeschehen bis zum Anfang der vierziger Jahre.

Pitcairn-Knowles sprühte vor Ideen

Heute wie auch damals benötigen Startups in der Regel einflussreiche Gönner die gegebenenfalls auch das notwendige Kleingeld beisteuern können. Pitcairn-Knowles sprühte geradezu vor Ideen, die er durch die Gründung von zahlreichen Sportvereinen und mit Innovationen der Illustration seiner Sportzeitung in die Tat umsetzte, während Simon als Sohn eines deutschstämmigen Bankiers nicht nur die notwendige finanzielle Unabhängigkeit besaß, sondern auch die entscheidenden Beziehungen, ohne die selbst die schönsten Ideen meist als Luftschlösser verpuffen.

Erfahrungen mit einer Golfclubgründung hatte Pitcairn-Knowles schon 1893 in Wiesbaden gesammelt, wo eine Pferderennbahn kurzerhand für die Zwecke der Golfer umfunktioniert wurde. Der Club überlebt zwar nur eine sehr kurze Zeit, der heutige Wiesbadener Golfclub beruft sich jedoch in seiner Historie auf die Gründung anno 1893. Marketing gehört eben auch zum Geschäft.

Es begann auf der Vogelwiese in Westend

Golf Geschichte in Berlin
Wo alles begann: Das historische Foto zeigt einige Golfpioniere auf dem Grün vor dem ersten Clubhaus im Berliner Westend.

So einfach wie in Wiesbaden lag die Sache in Berlin, respektive Charlottenburg, der damals wohlhabendsten Stadt Preußens, jedoch nicht. Das Gelände der sogenannten Vogelwiese in Westend gegenüber von Schloß Ruhwald war Bauland, das nach der Pleite von Grundstücks-spekulanten seit 1873 brachlag. Es gehörte der Gräfin Klara zu Eulenburg, die es einige Jahre zuvor von ihrem Vater Ludwig von Schaeffer-Voit, dem Verleger der legendären Frauenzeitschrift „Der Bazar“,  geerbt hatte. Wie also sollte man an das Gelände kommen?

Simon musste vermutlich nur seine Cousins oder seinen Onkel Leopold um Rat bitten. Leopold Ullstein, neben August Scherl und Rudolf Mosse der bedeutendste Berliner Zeitungsverleger, hat als Mehrheitsaktionär und Chefredakteur des Bazar-Verlages selbstverständlich einen Draht zu den Eulenburgs. Klaras Ehemann Friedrich, Major im „1. Garde-Dragoner-Regiment Königin Victoria von Großbritannien und Irland“, übernimmt die Ehrenpräsidentschaft des jungen Clubs.

Pitcairn-Knowles und Simon zieht es nach England

Ob die Ullsteins auch bei der Gründung von „Sport im Bild“ Pate gestanden haben, ist derzeit nicht feststellbar. In jedem Fall erscheint es bemerkenswert, dass unsere Startup-Unternehmer ihr Blatt kaum zehn Jahre später an den Medientycoon des 20. Jahrhunderts, August Scherl, verkauft haben. Wären die Ullsteins beteiligt gewesen, hätte das einen ungeheuren Affront bedeutet.

Im Jahre 1904 verlässt Simon die Stadt und lässt sich in London nieder. Pitcairn-Knowles hatte sich aus dem Verlag schon um 1900 zurückgezogen, um für viele Jahre als freier Mitarbeiter für den Scherl-Verlag Bildreportagen aus ganz Europa zu veröffentlichen. Im Jahr 1912 lässt er sich in Südengland nieder und eröffnet dort die erste Klinik für Naturheilverfahren auf den britischen Inseln.

1925 erhielt der Golf- und Land-Club Berlin-Wannsee seinen heutigen Namen

Im Jahre 1895 wird der Golfclub in „Berlin Golf Club“ umbenannt. Unter dem Einfluss seiner weiteren Ehrenpräsidenten, den Botschaftern der USA und Großbritanniens, entwickelt sich der Club zu einem Treffpunkt der internationalen Diplomatie. Angesichts großer Pläne für ein olympisches Golfturnier im Jahr 1916 wird der Club nochmals umbenannt.

Ab 1913 tritt er als „Golf Club Berlin“ in Erscheinung bevor er 1925 mit dem Umzug nach Wannsee seinen endgültigen Namen „Golf- und Land-Club Berlin-Wannsee“ erhält. Mit der Gründung der Einheitsgemeinde „Groß-Berlin“ im Oktober 1920 liegt der Golfclub nun tatsächlich auf dem Berliner Stadtgebiet.

Während man sich an den Schöpfer der Metropole Berlin, den Oberbürgermeister Adolf Wermuth, nunmehr wieder erinnert, stehen Würdigungen für die „Sport-Väter“ Andrew Pitcairn-Knowles (1871-1956) und Horace Francis Simon (1869-1939) auch nach 125 Jahren noch aus.

Über den Autor: Olaf Dudzus arbeitet als Steuerberater in Potsdam. Golf begeistert ihn nicht nur als Spiel, sondern auch als historischen Forschungsgegenstand. Dudzus hat zahlreiche Artikel über die Ursprünge von Golf in Berlin und Brandenburg geschrieben und engagiert sich in der German Hickory Golf Society, deren Honorary Secretary er ist.

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