Wannsee und der Widerstand gegen die Nazis

Wannsee und der Widerstand gegen die Nazis
Das Luftbrückendenkmal erinnert unter anderem an Mitinitiator Carl Victor Hagen, der Mitglied im Wannsee-Club war. Foto: Dudzus

Seit 125 Jahren wird in Berlin Golf gespielt. Dieser wahrlich wechselhaften Geschichte widmen Olaf Dudzus und Christoph Meister ein Buch, das im August erscheint. Vorab veröffentlichen wir daraus ein Kapitel über den Widerstand einiger namhafter Wannsee-Mitglieder gegen den Nationalsozialismus.

Die Geschichte des deutschen Widerstands gegen das Nazi-Regime ist bei genauer Betrachtung die Geschichte des Widerstandes von Deutschen, die mit unterschiedlichen Methoden versuchten, das Regime zu bekämpfen oder Verfolgte zu beschützen. Mit Gründung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Jahr 1967 wurde im Gedenken an die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 im Berliner Bendlerblock eine Erinnerungs- und Bildungsstätte errichtet, die ab 1989 „die Motive, Ziele und Formen des Kampfes gegen die nationalsozialistische Diktatur“ umfassend dokumentiert.

Das Buch „125 Jahre Golf in Berlin und Brandenburg“ von Olaf Dudzus und Christoph Meister erscheint im August. Foto: Deutscher Golf Verlag

Während die Männer des 20. Juli planten, das Regime zu stürzen, versuchten andere Wannsee-Mitglieder, Verfolgte zu schützen oder nach ihrer erzwungenen Emigration den Nazi-Staat zu bekämpfen. Während sich einige im Propagandafeldzug von Briten und Amerikanern als Verfasser von Texten betätigten, griffen die Brüder Louis und Carl Hagen zu britischen bzw. amerikanischen Waffen, um die Truppen Großbritanniens und der USA im Kampf gegen Deutschland zu verstärken.

Louis Edmund Hagen. Foto: National Portrait Gallery

Louis Edmund Hagen (1916-2000), der sich später Lewis Haig nennt, wird 1934 im Konzentrationslager Schloss Lichtenburg interniert, da er seiner Schwester einen Nazi-Witz auf einer Postkarte geschrieben hatte („Toilettenpapier ist jetzt verboten. Nun gibt es mehr Braunhemden“). 1936 kommt er auf Intervention des Vaters eines Schulfreundes, der selbst Richter und NSDAP-Mitglied ist, frei. Er geht nach England und tritt in die Royal Air Force ein. Im September 1944 gehört er zur 1st Airborne Division, deren Operation „Market Garden“ zur Eroberung der Brücke von Arnheim fehlschlägt. Sein Buch „Arnhem Lift“ wird ein internationaler Bestseller und Vorlage für den Film „Theirs Is the Glory“ aus dem Jahr 1946.

Hagen schreibt ein Buch über das Leben unter Hitler

Die erste Nachkriegsausgabe des „Writer‘s Who’s who“ für die Jahre 1948/49 verzeichnet ihn unter der Kontaktadresse L. Mohrenwitz, 1 Airlie Gardens, Campden Hill Rd., London. Bei Lothar Mohrenwitz handelt es sich um einen guten alten Bekannten aus dem Wannsee-Club, der von 1928 bis 1929 Chefredakteur der ersten deutschen Ausgabe des Hochglanzmagazins „Vogue“ ist. In demselben Jahr kommt Hagen in seine alte Heimat Berlin zurück und führt Interviews mit neun „durchschnittlichen“ Deutschen, Freunde aus der Zeit vor 1936, über ihr Leben im Dritten Reich. 1951 erscheinen sie unter dem Titel „Ein Volk, Ein Reich: Nine Lives under the Nazis“. Erst 1969 erscheint das Buch in Deutschland unter dem bezeichnenden Titel „Geschäft ist Geschäft – Neun Deutsche unter Hitler“.

Neben der Veröffentlichung der Autobiographie von Walter Schellenberg, Chef von Hitlers Auslandsgeheimdienst, und einem Buch über Spionage im Kalten Krieg arbeitet Hagen als Filmproduzent. Mit Lotte Reiniger, seiner Hauslehrerin aus Kindertagen, bringt er mit seiner Produktionsfirma 25 Scherenschnitt-Märchen wie „Kalif Storch“ oder „Das tapfere Schneiderlein“ heraus, wofür sie 1955 bei der Biennale in Venedig mit dem „Silver Dolfin“ ausgezeichnet werden. Den im Jahre 1926 von Lotte Reiniger produzierten abendfüllenden Trickfilm „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ bringt er 1989 in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Filmmuseum in einer restaurierten Fassung heraus.

Das Grab von Karl-Viktor Hagen. Foto: Dudzus

Sein Bruder Carl Victor emigriert bereits 1935 und wird im März 1940 amerikanischer Staatsbürger. Zwei Jahre später wird er gemustert und arbeitet zeitweilig für das OSS (Office of Strategic Services), aus dem später die CIA hervorgehen sollte, sowie als ziviler Finanzberater der US-Streitkräfte. Im Jahr 1948 gehört er zu den alliierten Einheiten, die infolge der sowjetischen Berlin-Blockade die Luftbrücke organisieren. Er stirbt bei einem Flugzeugabsturz bei Königstein im Taunus. Seine letzte Ruhe findet er im Familiengrab in Berlin. Das Luftbrückendenkmal am gleichnamigen Platz in Tempelhof erinnert an ihn. Die Berliner „Rockröhre“ Nina Hagen ist eine Nichte zweiten Grades von Louis und Carl Victor Hagen.

Während die Wannsee-Mitglieder vielfach über die notwendigen Mittel verfügen, ihre Flucht oder eine halbwegs reguläre Emigration zu organisieren, sind Angestellte den Zwangsmaßnahmen der neuen Herrscher nahezu schutzlos ausgeliefert. Im größten Einkaufstempel gegenüber dem Roten Rathaus in Berlins Mitte sind etwa 25 Prozent der Mitarbeiter jüdisch oder nach neuer Definition nichtarisch.

Kaufhaus Nathan Israel macht Harrods Konkurrenz

Berthold Israel, der mit seiner englischen Frau Amy schon seit den Gründerjahren Mitglied im Westend-Club ist, hatte das Kaufhaus N. Israel, dessen Ursprünge auf die Geschäftsgründung seines Großvaters Nathan im Jahre 1815 zurückreichen, ab der Jahrhundertwende konsequent ausgebaut, so dass es schließlich fast das ganze Viertel zwischen Spandauer, König-, Post- und Probststraße umfasst. Auf dem Höhepunkt der Entwicklung beschäftigt Berthold Israel etwa 2.000 Angestellte. Mit seinen Qualitätsprodukten, die ab Anfang der dreißiger Jahre auch im Versandhandel zu erwerben sind, macht er sogar dem berühmten Londoner Warenhaus Harrods Konkurrenz.

Wilfrid Israel. Foto: Leo Baeck Institute New York/Berlin

Spätestens seit dem Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 wird auch seinem Sohn Wilfrid Israel endgültig klar, welche Bedrohung auf die Familie und viele ihrer Angestellten zukommt. Nach dem Tod des Vaters 1935, steht der als exzentrisch und dekadent geltende Dandy in der alleinigen Verantwortung. Seine britische Staatsangehörigkeit bietet keinen besonderen Schutz, vielmehr bieten seine internationalen Freundschaften und Kontakte einen gewissen Schutz, da jedes Leid, das ihm widerführe, im Ausland sofort bekannt würde. An schlechter Presse sind die Nazis jedoch nicht interessiert. Lukrative Angebote für das Kaufhaus schlägt er aus, Tradition und Pflichtbewusstsein nimmt er in den Jahren bis 1939 in bis dahin nicht gekannter Weise wahr. Hatten sich die Israels schon früher um ihre Angestellten mit der Einrichtung einer Betriebskrankenkasse, einer Handelsschule und von Sporteinrichtungen gekümmert, wird die Rettung Bedrängter zu seiner Lebensaufgabe.

Frank Foley – Gerechter unter den Völkern

Der britische Passbeamte Frank Foley und Hubert Pollack, selbst Jude und Kommunist, der gute Kontakte zur Gestapo unterhält, werden zu Wilfrid Israels Verbündeten. Für zum Teil geringe Summen werden die richtigen Leute bestochen, um Hunderte aus den Konzentrationslagern zu holen. Frank Foley sorgt für Ausreisepapiere, Wilfrid Israel beschafft das notwendige Geld. Der Tagesspiegel berichtet am 13. Mai 2020 („Das rettende Visum“) über die Enthüllung einer Gedenktafel am britischen Botschaftsgebäude, die den Einsatz von Frank Foley und seinen Botschaftskollegen ehrt. Die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ehrt Foley mit dem Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“.

Frank Foley. Foto: Yad Vashem

Ende 1938 wird der Druck auf Wilfrid Israel immer größer, so dass er sich zum Verkauf des Warenhauses entschließt. Am 14. Februar 1939 eröffnet das Kaufhaus unter seinem neuen Besitzer, der Emil Köster AG, als „Das Haus im Zentrum“. Während die Nazis glauben, einmal mehr jüdisches Eigentum „arisiert“ zu haben, handelt es sich bei genauerer Betrachtung um ein geschicktes Täuschungsmanöver, eingefädelt von alten und neuen Bekannten aus dem Wannsee-Club. Der Gestapo entgeht dabei, dass hinter den amerikanischen Aktionären der Emil Köster AG niemand anderer steht, als der in die USA emigrierte Jakob Michael, der 1925 nicht nur als eine der reichsten, sondern auch schillerndsten Persönlichkeiten des Berliner Geldadels gilt. Jakob Michaels Mann in Deutschland ist der in München lebende amerikanische Opernregisseur und Wannsee-Golfer Loomis Taylor, der als Aufsichtsratsvorsitzender fungiert.

Verbleib in Deutschland wird unhaltbar

Nachdem ein weiterer Verbleib in Deutschland unhaltbar wird, geht Wilfrid Israel nach England, wo er am Balliol-College mit einem „Forschungsauftrag“ betraut wird, der ihm ein bescheidenes Einkommen sichern soll. Von England organisiert er Transporte jüdischer Kinder über Portugal und Spanien nach Palästina. Seine seit Jahren gepflegten Kontakte und Freundschaften verschaffen ihm Zugang zu hohen britischen Staatsbeamten wie zum Beispiel  Sir Stafford Cripps, der zeitweilig als Nachfolger von Winston Churchill gehandelt wurde. Bemühungen, die Briten von den Motiven seines Freundes Adam von Trott zu Solz, Mitglied des Kreisauer Kreises, der die Nazis bereits seit 1939 zu bekämpfen sucht, zu überzeugen, schlagen jedoch fehl.

Wilfried Israel – Der Retter aus Berlin

Als Wilfrid Israel am 1. Juni 1943 von Lissabon nach Bristol fliegt, wird das zivile Flugzeug von der Deutschen Luftwaffe über dem Golf von Biskaya abgeschossen. Frank Foley, Hubert Pollack und Wilfrid Israel retten Zehntausenden das Leben. Naomi Shepherd hat diesem außergewöhnlichen unerschrockenen Berliner bereits 1984 mit einer detailreichen Biographie ein bleibendes Andenken geschaffen. Der 30-minütige Dokumentarfilm „Wilfrid Israel – Der Retter aus Berlin“ (2012) gedenkt eines Helden, der in Palästina hochverehrt wird.

Wurden im Wannsee-Club offensichtlich auch konspirative Geschäfte eingefädelt, lag ein Widerstandsnest kaum drei Kilometer davon entfernt in der Berliner Vorstadt Potsdams. Der Freizeitgolfer Leopold Waldemar von Bredow (1875-1933) hatte, wie es sich für den brandenburgischen Landadel gehört, gedient. Als junger Leutnant ist er Adjutant von Georg Prinz von Preußen, im Ersten Weltkrieg Rittmeister der Gardekürassiere. 1915 verehelicht er sich mit Hannah, der ältesten Tochter von Herbert und Marguerite von Bismarck. Zwischen 1916 und 1933 vergrößert sich die Kinderschar, Leopold hatte eine Tochter aus erster Ehe, auf stolze neun Sprösslinge, so dass Hannah dem späteren Idealbild einer deutschen Mutter entspricht.

Sydney Jessen und Hannah von Bredow um 1940. Foto: Michael K. Bahr

Ab 1919 lebt die Familie in der Wörther Straße, der heutigen Menzelstraße, in Potsdam. Da Hannah mit völkischen Idealbildern jedoch nichts am Hut hat, distanziert sie sich davon schon vor dem Machtantritt der Nazis. Ihre Brüder Gottfried und Otto hingegen treten in die NSDAP ein und machen Karriere. Hannahs Haltung zum NS-Staat führt dazu, dass die Gestapo ihre Post filzt und sie wiederholt Verhören unterzieht. Wilhelm von Wedel, Polizei- und Gestapochef von Potsdam, der mit seiner Frau Ida nicht nur dem Golfclub als auswärtige Mitglieder angehören, sondern auch freundschaftliche Beziehungen zu den Mächtigen im Staate, wie Ribbentrop und Himmler, unterhalten, konfrontiert ihren Bruder Otto regelmäßig mit dem „Sündenregister“ seiner Schwester, zu denen „Ausländerei“, „Bekennende Kirche“, „Nichtmitgliedschaft in NS-Vereinigungen“, „Erziehung der Kinder zu Staatsfeinden“, „Verweigerung des Hitler-Grußes“ usw. usw. gehören. Selbst mehrere Verhöre und der Entzug ihres Passes ändern an der Haltung der Bismarck-Enkelin nichts.

Im Gegenteil: In ihrem Hause verkehren unter anderem Werner von Haeften und Sydney Jessen. Von Haeften, Adjutant von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, geht in der Wörtherstraße 15 ein und aus, seit er ein Auge auf Hannahs Tochter Philippa geworfen hat.  Sydney Jessen, Korvettenkapitän a.D., ein Vertrauter von Hannah, gehört neben Berthold Schenk Graf von Stauffenberg zu den Verschwörern in der Marine.

Sydney Jessen. Foto: Michael K. Bahr

Sydney Jessen stammt aus einem Hamburger Arzthaushalt. Sein Vater Friedrich Jessen wird als Leiter des sogenannten Waldsanatoriums in Davos zum Vorbild für Hofrat Behrens in Thomas Manns „Zauberberg“. Nach Militärdienst und britischer Kriegsgefangenschaft promoviert Jessen 1922 zum Dr. rer. pol. um anschließend Privatsekretär bei Hannahs Bruder, dem Fürsten Otto von Bismarck zu werden, der vor seiner diplomatischen Laufbahn von 1923 bis 1926 Reichstagsabgeordneter ist. Waren Otto und Gottfried, der es zum SS-Brigadeführer und Regierungspräsidenten der Provinz Brandenburg bringt, führende Kräfte in der Nazi-Diktatur, unterstützen sie später ihre Schwester in ihrem Bemühen, Verfolgte zu schützen.

Unter der Überschrift „Vom Saulus zum Paulus“ berichten die Potsdamer Neuesten Nachrichten am 20. Juli 2007 über eine Ehrung der Brandenburger CDU und zitiert den damaligen Innenminister Jörg Schönbohm wie folgt:

„Ja, er hatte sich geirrt, aber er hat alle moralische Kraft aufgewendet, um den Weg zu gehen, der so viel Mut erforderte.“

Gemeint ist kein anderer als das Wannsee-Ehrenmitglied Gottfried Graf von Bismarck-Schönhausen, der nach dem 20. Juli 1944 mit seiner Frau verhaftet und in Konzentrationslagern gefoltert wird. Dass er nicht wie die übrigen Verschwörer angeklagt, verurteilt und hingerichtet wird, verdankt er vermutlich seiner Herkunft. Mitten im Krieg einen „Bismarck“ zu hängen, getrauten sich wohl selbst die Nazis nicht. Nutznießer seines Sinneswandels wird Otto von Mendelssohn-Bartholdy, Sohn des Gründers der Agfa (später Aufsichtsrat des I.G. Farben-Konzerns), der auf Gottfrieds Veranlassung aus dem KZ entlassen wird und den NS-Staat überlebt.

Kein Nachweis für Jessens Teilnahme an Verschwörung

Sydney Jessen wird am 28.07.1944 zwar verhaftet und später unehrenhaft aus der Marine entlassen, Beweise für eine aktive Teilnahme an der Verschwörung finden die Ankläger jedoch nicht. Im August 1944 wird das Verfahren gegen Jessen von denen der Verschwörer abgetrennt. Jessen wird vorgeworfen, sich im Frühjahr 1944 als er krankheitsbedingt in Bregenz weilte, sich des Defätismus und der Wehrkraftzersetzung schuldig gemacht zu haben. Sein Verfahren vor dem Volksgerichtshof ist für April 1945 vorgesehen. Die Denunziation, dessen Urheberschaft ihm nicht erklärbar bleibt, rettet ihm schließlich das Leben.

In Folge der Welle von Verhaftungen werden auch die Wannsee-Mitglieder Karl Freiherr von Thüngen und Otto Hübener festgesetzt. Von Thüngen, der wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg Mitglied des 17. Reiterregiments in Bamberg war, wird am 14. August 1944 aus der Wehrmacht entlassen, so dass nicht mehr das Reichskriegsgericht für die Anklage zuständig ist, sondern der Volksgerichtshof unter Roland Freisler, dessen Urteile schon vor jeder Verhandlung feststehen. Nach seiner Verurteilung am 5. Oktober wird Thüngen am 24. Oktober im Zuchthaus Brandenburg-Görden erschossen.

Otto Hübner wird ohne Gerichtsurteil ermordet

Welchen Beitrag der Versicherungsmakler Otto Hübener zur Verschwörung geleistet hat, wird sich wohl kaum einwandfrei klären lassen. Seit seiner Verhaftung im Zusammenhang mit dem Röhm-Putsch 1934 steht er unter Beobachtung der Gestapo. Trotz wiederholter Verhöre kann ihm nichts nachgewiesen werden. Schließlich genügen für seine Verhaftung wohl die persönlichen Kontakte seines Geschäftspartners Walter Jauch zu Hans Oster und Hans von Dohnanyi. Letzterer hatte bereits 1943 versucht, Hitler mit einer Bombe zu töten. Hübener wird zwischen dem 21. und 23. April 1945, just in dem Moment als die Rote Armee der Berliner Stadtgrenze erreicht, ohne Verhandlung und Gerichtsurteil ermordet.

Als er hereinkam, sah er aus als käme er gerade vom Golfplatz

Fünfundsechzig Jahre nach dem Ende des NS-Staates schildert Jutta Cords (geb. Sorge; 1920-2016) im Interview ihren ersten Eindruck, als ihr Vater das Haus in der Kronprinzenallee, der heutigen Clayallee, in Dahlem unversehrt wieder betritt. Dass das Ehepaar Kurt und Eva Sorge ebenso wie die einzige Tochter Jutta und ihr zukünftiger Schwiegersohn Helmuth, das Ende des Krieges körperlich unversehrt erleben würden, ist alles andere als selbstverständlich.

Dr. Kurt Theodor Sorge. Foto: Claudia Damon Cords

Kurt Sorge wird noch am 20. April 1945 vom Volksgerichtshof unter dem Nachfolger Freislers, Harry Haffner, zum Tode verurteilt. Am 25. April wird er, an Händen und Füßen gefesselt, mit zwei weiteren Verurteilten zur Exekution nach Plötzensee verbracht, wo sie eine halbe Stunde nach ihrem Eintreffen von der Roten Armee befreit werden. Zeitgleich werden Helmuth Cords und Sydney Jessen mit anderen politischen Gefangenen aus der Gestapohaft in der Prinz-Albrecht-Straße entlassen. Seine Tochter Jutta wird ebenfalls aus öffentlichem Gewahrsam befreit und es gelingt allen, in den Wirren der Schlacht um Berlin wohlbehalten nach Hause zu gelangen.

Die Familie gerät ins Visier der Nazis, da sie nicht nur dem Verschwörer Ludwig Gehre auf Bitten von Werner von Haeften, einem engen Freund der Tochter, monatelang Unterschlupf gewähren, sondern auch Helmuth Cords, der am 20. Juli Dienst in der Bendlerstraße versieht, zu den Verschwörern um Graf Stauffenberg gehört.

Hochzeitsbild von Jutta und Helmuth Cords. Foto: Claudia Damon Cords

Jutta Cords erinnert sich später, wie schockiert sie war, als ihr klar wird, dass sie nach den Nürnberger Rassegesetzen als Halbjüdin gilt. Die Ehe mit Dr. Kurt Theodor Sorge, Sohn des Krupp-Managers und Reichstagsabgeordneten Kurt Oskar Sorge, schützt ihre Mutter Eva, eine Schwester von Käte Stresemann, nur solange ihr Mann in Freiheit ist, da sie trotz christlicher Taufe, nach den Rassegesetzen als jüdisch gilt. Eva und Kurt werden am 4. Oktober 1944 verhaftet. Nach Unterbringung im Frauengefängnis in der Barnimstraße nördlich vom Alexanderplatz, wird Eva im Frauen-KZ Ravensbrück im Norden von Berlin interniert. Als Glück im Unglück erweist sich, dass sie in der politischen Abteilung untergebracht ist, deren Insassen kurz vor Kriegsende 1945 Unverhofftes widerfährt.

Auf Initiative von Graf Folke Bernadotte, einem Neffen von König Gustav V. Adolf von Schweden, evakuieren das Internationale, das Schwedische und das Dänische Rote Kreuz, tausende Häftlinge aus den Konzentrationslagern.  Darunter sind auch 47 „Politische“ aus Ravensbrück. Am 8. Mai 1945 kapituliert das Oberkommando der Deutschen Wehrmacht bedingungslos – Deutschland und Europa sind vom Nazi-Regime befreit.

Am 10. Juni 1945 heiraten Jutta Sorge und Helmuth Cords in der Dahlemer Dorfkirche. Nach seinem Studienabschluss in Chemie an der Universität Heidelberg 1952, emigrieren sie in die USA. Kurt und Eva Sorge reisen ihnen im Jahr darauf nach, kehren jedoch nach drei Jahren zurück und verbringen ihren Lebensabend im bayerischen Garmisch-Partenkirchen.

Die Geschichte von Jutta und Helmuth Cords erscheint im Jahre 2010 unter dem Titel

„Surviving Hitler – A Love Story“.

Nachdem der mehrfach ausgezeichnete Film vor allem in den USA, Teilen Europas und in Japan ein großes Publikum erreicht, steht die deutsche Uraufführung noch aus.

Vor 75 Jahren haben Louis und Carl Victor Hagen, Wilfrid Israel und die Verschwörer des 20. Juli ihr Leben riskiert, um Verfolgte zu beschützen und ihre Heimat von der Geißel der Nazis zu befreien.  Das Nachkriegsdeutschland wollte mit ihnen nichts zu tun haben. Im zeitlichen Abstand wird deutlich, dass ihr Handeln sie zu Vorbildern macht.

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