Clubfitting ist keine Frage des Handicaps

Clubfitting ist keine Frage des Handicaps
Welches Eisen darf es sein? Die Wahl ist nicht leicht, denn die Vielfalt der Schläger ist so groß wie nie zuvor.

Individuelle Schläger sind nicht nur etwas für Spitzengolfer. Gerade Anfänger machen große Sprünge, wenn sie das passende Material benutzen.

Den passenden Golfschläger für sich zu finden, grenzt an eine Wissenschaft. „Das ist wie ein Besuch beim Arzt“, sagt Denis Hohmann von Hohmann Golf in Berlin-Charlottenburg. „Dafür braucht es Einfühlungsvermögen und eine Menge Wissen.“ Fast jeden Tag steht der großgewachsene junge Mann hinter seinem kleinen Radargerät und zeichnet auf, wie vor ihm auf der grünen Matte Kunden Ball um Ball in ein Netz schlagen. Der bei jedem Golfer ganz individuelle Schwung lässt sich so in seine einzelnen Parameter aufschlüsseln: den Schwungrhythmus, die Schlägerkopfgeschwindigkeit, den Auflagewinkel des Schlägers im Durchschwung oder den Abflugwinkel des Balles.

Zum Clubfitting gehört es auch, den Abstand zwischen Händen und Boden zu messen oder die Handgröße. Ausgehend von all diesen Informationen sucht der Clubfitter dann aus dem dichten Materialdschungel den passenden Eisensatz oder etwa den richtigen Driver heraus. „Das ist ein permanentes Filtern“, sagt Denis Hohmann. Mancher verstehe unter Clubfitting auch das Biegen oder Auseinandernehmen und Zusammenbauen von bereits bestehenden Schlägern, berichtet er. Das sei für ihn Clubmaking und nur in den seltensten Fällen wirklich notwendig. Immerhin könne er derzeit auf bis zu 50 verschiedene Schlägerkopfmodelle allein bei den Eisen zurückgreifen.

Hinzu kommt die Auswahl des passenden Schafts. Wer im Durchschwung eine Schlägerkopfgeschwindigkeit von 88 Stundenkilometern und mehr erreicht, der sollte beispielsweise vom Standardschaft auf einen eher steifen Schaft wechseln. Der gewährleistet, dass sich der Schläger beim Schwung nicht allzu stark verbiegt. Die Schlägerköpfe und Schäfte aller Hersteller und Modelle unterscheiden sich zum Teil erheblich, auch wenn für die Bauart von Golfschlägern strenge Grenzen gesetzt sind. Sie werden von den Regelhütern des Royal and Ancient Golf Club im schottischen St Andrews überwacht.

Denis Hohmann bei der Arbeit: Ein Termin fürs Schlägerfitting dauert etwa eine Stunde. Foto: Mike Wolff

„Außerdem spielt es natürlich eine Rolle, welche Ziele der Golfspieler verfolgt und wie viel Geld er bereit ist auszugeben“, erklärt der 36-Jährige. Wer zum Beispiel viel investieren möchte, der habe beim Golfschläger wie beim Auto die Wahl zwischen einer Art Porsche oder einer S-Klasse. Der handgetriebene Sportwagen unter den Schlägern sind die minimalistischen Blades, die mit ihrem kleinen Schlägerkopf kaum eine Ungenauigkeit im Treffmoment verzeihen. Viele Profis und gute Spieler schätzen Blades für ihre gute Resonanz und die Möglichkeit, Bälle zu shapen – das heißt: ihnen bewusst einen seitlichen Effet zu verpassen, um eine horizontal gebogene Flugbahn zu erreichen. Die komfortable Limousine dagegen wären Eisen mit einem großen Schlägerkopf, der auch dann noch ein ordentliches Ergebnis gewährt, wenn der Golfer den Ball nicht perfekt getroffen hat.

Der landläufigen Behauptung, Clubfitting lohne sich nur für bessere Golfer und für Anfänger reiche das Modell von der Stange, widerspricht Denis Hohmann: „Ein Anfänger wird sich mit den passenden Schlägern am stärksten verbessern können.“ Aber einen schnurgeraden 300-Meter-Drive könne auch er sich nicht einfach erkaufen oder „erfitten“. Denn letztlich entscheide immer die Qualität des Kontaktes zwischen Schläger und Ball über die Weite des Schlages. „Der richtige Schläger ist der, der im Treffmoment genau an der Stelle ankommt, wo er sein soll“, sagt Hohmann.

Die bisherigen Schläger mitbringen

Zum Clubfitting sollten Golfer am besten ihre bisherigen Schläger mitbringen. Darüber hinaus sollten sie sich im Idealfall gerade in einer guten Form befinden, um vor dem Radar einige für ihre Verhältnisse repräsentative Schläge abzuliefern. „Ich habe auch schon Kunden nach Hause geschickt, die vor mir auf der Matte standen und kaum einen Ball richtig getroffen haben“, erzählt Denis Hohmann. Die Auswahl der richtigen Schläger müsse immer auf einer Regelmäßigkeit beruhen. Wenn der Kunde merke, dass er sein tatsächliches Potenzial beim vereinbarten Fitting nicht erreicht,  solle er lieber an einem anderen Tag noch mal wiederkommen. „Ich möchte die Golfer da auf jeden Fall vor einem späteren Shoppingkater bewahren“, sagt Hohmann, der schon Berliner Meister war.

Manche Golfer wollten auch schon mal in einem Abwasch das Fitting für einen ganzen Schlägersatz machen. Davon rät der Experte allerdings ab: „Dafür muss der Kunde sehr viele Bälle schlagen, so dass zwangsläufig irgendwann die Konzentration verloren geht.“ Mindestens eine Stunde dauert ein vernünftiges Clubfitting. Deswegen vergeben die meisten Golfläden dafür auch extra Termine. Der Preis für die Beratung wird in der Regel auf den Kaufpreis der ausgewählten Schläger angerechnet. Die umfangreiche Beratung ist somit kostenfrei.

Obwohl Clubfitting sich auf viele objektivierbare Zahlen und Parameter stützt, ist das Bauchgefühl des Kunden bei der Schlägerauswahl immer auch ein entscheidender Aspekt. „Was bringt mir ein super Eisen, wenn ich ein komisches Gefühl habe?“, fragt Hohmann. „Der Schläger muss dem Golfer auch in seiner Ästhetik gefallen, ihn motivieren und Lust auf das Spiel machen.“ Meist dauere die Auswahl des Schlägermodells im gesamten Fittingprozess am längsten.

Zur Person: Denis Hohmann (36) spielt seit seinem zehnten Lebensjahr Golf. Als Fitting- und Materialexperte berät er täglich Golferinnen und Golfer auf der Suche nach dem passenden Equipment. Der gebürtige Charlottenburger war Berliner Meister, hat für den Golf- und Land-Club Berlin-Wannsee in der Bundesliga gespielt und teet mittlerweile für die Jungsenioren des Golf- und Country Club Seddiner See e.V. auf.