Robert Harting rotiert jetzt auf dem Golfplatz

Robert Harting rotiert jetzt auf dem Golfplatz
Golfkostprobe des Olympiasiegers bei Schmuddelwetter: Robert Harting hat seine Platzreife schon seit 2014 und wohnt nur zehn Minuten vom Golfplatz entfernt. Foto: Mike Wolff

Als Diskuswerfer hat Robert Harting alles erreicht, war Olympiasieger, dreimal Weltmeister und Deutschlands Sportler des Jahres. Nun schaut der Berliner, wie weit er beim Golf kommt. 150 Meter mit dem 9er-Eisen sind schon mal eine Ansage.

Tagesspiegel GOLF trifft Robert Harting im Golf Resort Berlin Pankow. Muskulöser Rebell und Etikette-Sport – kann das passen? Es ist ein ungemütlicher Herbsttag, die Sonne schafft es nicht durch die Wolkendecke und das Thermometer kaum über 10 Grad. Regen ist angekündigt. Robert Harting kommt in grauer Jogginghose und schwarzer Kapuzenjacke, mit federnden Schritten, er ist schmal geworden, und er ist gut drauf. Aus Weißensee, wo er wohnt, sind es nur zehn Autominuten bis zum Golfplatz. Pankow ist für ihn die erste Adresse, dort hat er seine Platzreife gemacht und dort arbeitet er mit Trainer Reiner Stallbaumer an mehr. Nicht erst seit seinem Karriereende 2018.

Robert Harting und sein Golflehrer Reiner Stallbaumer im Golf Resort Berlin Pankow. Foto: Mike Wolff

„Meine Platzreife habe ich 2014 gemacht“, erzählt Harting. „Ich erinnere mich gut daran, weil ich mir zwei Tage später das Kreuzband gerissen habe.“ Bei einer Laufeinheit, nicht beim Golf. Trotzdem war danach an Golf nicht mehr zu denken, an Diskuswerfen erst recht nicht, für anderthalb Jahre. „Das vordere Kreuzband ist ein Rotationsgeber“, erklärt der 35-Jährige. Unverzichtbar fürs Diskuswerfen, mehr als hilfreich beim Golf. „Beides Rotationssportarten“, sagt Harting. Das ist seine Schnittmenge.

Von allein sei er allerdings nicht auf die Idee gekommen Golf zu spielen, räumt er ein: „Meine Sponsoren haben mich sanft dazu gedrängt.“ Prominente Persönlichkeiten sind die harte Währung bei Charity-Golfturnieren. Im Juni trat Harting bei einem Wohltätigkeitsturnier gegen Diskus-Kollege Lars Riedel an und gewann mit seinem Team gegen Team-Riedel. Auf dem Golfplatz kann Harting AOK, Mercedes Benz und Co. etwas zurückgeben – jetzt mehr denn je. Könnte man meinen. Der gebürtige Cottbusser schüttelt den Kopf: „Ich muss Geld verdienen.“ Leichtathleten, selbst Olympiasieger wie er, seien nicht zu vergleichen mit Bundesliga-Veteranen, die nach der Karriere ihr Geld für sich arbeiten ließen, während sie sich um ihr Handicap kümmerten.

Schläger, zum Verprügeln hart

Hartings Handicap liegt noch immer bei -54, er arbeitet für Brands Talents Rights, eine von Deutschlands führenden Sportmarketing-Agenturen. Im Mai hat seine Frau Julia Zwillinge zur Welt gebracht, die natürlich auch den Vater in Beschlag nehmen. Und der feilt obendrein an seiner Masterarbeit, einem Geschäftsmodell für Krankenkassen zum Nulltarif. „Meine Golfrunden pro Jahr kann ich noch an einer Hand abzählen“, sagt Harting.

Robert Harting ist auch im kurzen Spiel mit voller Emotion dabei: „Ich war der wahnwitzigen Überzeugung, ich hätte es drauf.“ Foto: Mike Wolff

Anfangs sei er der Golfsucht regelrecht verfallen. Er als total verkopfter Typ, „der sich nie nur als Leichtathlet gesehen hat, sondern immer auf drei, vier Ecken unterwegs war“, wollte die Feinheiten des Golfschwungs erfassen, das Zusammenspiel von Dynamik und Präzision „optimal aussteuern“, wie er im Diskuswerfersprech sagt. Nike habe ihm dafür das größte und härteste Schlägermaterial gegeben, das es gab. „Zum Verprügeln hart.“ Nach seiner ersten Einheit habe er kräftigen Muskelkater bekommen und sich gedacht: „Golf macht unglaublich viel Spaß, das wird viel zu wenig kommuniziert.“ Der körperliche Anspruch, den das Spiel stelle, sei für ihn überraschend gewesen, gesteht der 2,01-Meter-Hüne. Als er zum ersten Mal am Seddiner See auf dem Südplatz stand, sei ihm beim Anblick von Natur und Landschaft das Herz aufgegangen.

Mit dem Driver fast bis Hohenschönhausen

„Robert hat ein unglaubliches Ballgefühl“, sagt Golflehrer Reiner Stallbaumer, der eine Reihe aktueller und ehemaliger Sportgrößen trainiert. Hartings Mordskraft bändigt der Pro, indem er ihn auf dem Platz ausschließlich mit einem 9er-Eisen operieren lässt. Wohl keine schlechte Idee bei einem, der den Ball als Gelegenheitsspieler unmöglich konstant trifft, aber mit dem Driver fast Hohenschönhausen erreicht. „Die 150 Meter, die Robert mit seiner Neun schlägt, reichen doch vollkommen“, sagt Stallbaumer. Harting schmunzelt. „Reiner ist nicht pushy genug“, sagt er.

Gut drauf, aber wenig Zeit zum Golfspielen: Robert Harting arbeitet für eine Sportmarketing-Agentur, schreibt seine Masterarbeit und ist seit Mai Vater von Zwillingen. Foto: Mike Wolff

Die ersten Tropfen fallen schon, als Harting zu einer Kostprobe seines Golfspiels ansetzt. „Kaltstart“, ruft er und macht immerhin zwei Probeschwünge. Das Längste, was sein Schlägerhersteller zu bieten hatte, zwingt ihn in der Ansprechposition noch immer in die Knie. Sein Hieb trifft den Ball satt, aber nicht sauber. Nach 140 Metern vergräbt er sich links in der Natur. Aus. Golf ist nicht Diskuswerfen, es gibt leider nicht mehrere Versuche, aber einen Mulligan.

Harting chippt den Ball mit seinem vierten Schlag gefühlvoll aufs Grün. Sein kurzes Spiel habe ihn schon zu Übermut verleitet, erzählt er. „Ich war der wahnwitzigen Überzeugung, ich hätte es drauf, und habe einfach mal in den offenen Kofferraum meines Autos gechippt.“ Eine Beule erinnert ihn heute daran, dass es nur zehn Minuten bis zum Golfplatz sind.

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