„Wahnsinn, was in der Golfbranche abgeht“

„Wahnsinn, was in der Golfbranche abgeht“
Wasserreich und immer beliebter: Golf in Wall erlebte in der abgelaufenen Saison einen nie gekannten Boom. Foto: Wolfgang Weber

Harter Lockdown im Frühjahr, Lockdown light im November – die Golfsaison 2020 verlief alles andere als geplant. Trotz aller temporären Einbußen dürfen sich viele Golfanlagen zu den Gewinnern der Corona-Pandemie zählen. In Gross Kienitz, Großbeeren und Wall haben wir genauer nachgefragt.

Kettenbagger und Radlader gehören gewöhnlich nicht zum Standard-Maschinenpark einer Golfanlage. Beim Golfclub in Wall im Landkreis Oberhavel ist das seit jeher anders. Seit der Eröffnung des 18-Lochplatzes 2008 wurde daran permanent weiter gebaggert, korrigiert und verbessert. Um die von Natur aus recht schwierige Drainage-Situation auf dem vom dänischen Golf-Pro Flemming Maas mehr oder weniger in Eigenregie geschaffenen Golfplatz im sumpfigen Rhinluch nordwestlich der Kleinstadt Kremmen zu optimieren, wurden diverse Teiche und Kanäle neu angelegt oder vergrößert; mittlerweile kommt auf 17 Bahnen Wasser ins Spiel, allein die Bahn 5 kommt ganz ohne Wasserhindernis aus.

Platz-Optimierung bei laufendem Spielbetrieb: In Wall ist auch derzeit wieder der Kettenbagger im Einsatz – hier entsteht ein neuer, erhöhter Abschlag für die 18. Bahn.
Foto: Wolfgang Weber

Wer vor vier, fünf oder mehr Jahren letztmalig in Wall gespielt hat, erkennt den Platz heute kaum mehr wieder. Viele Grüns präsentieren sich jetzt vergrößert, stark onduliert und in Top-Zustand; neue, erhöhte Abschläge an fünf Bahnen machen das Spiel deutlich spannender und bieten spektakulär weite Ausblicke in die brettebene, naturbelassene Wald- und Wiesenlandschaft des Rhinluch. Nicht wenige Golfer mit genügend Vergleichsmöglichkeiten halten Golf in Wall im heutigen Zustand für den meist unterschätzten Golfplatz in Brandenburg.

Diese mit Kettenbagger und Radlader geschaffenen Platzoptimierungen vor allem, davon ist Flemming Maas überzeugt, hätten sich in der Golfsaison 2020 in steigenden Nutzerzahlen niedergeschlagen: „Unser Platz ist sehr viel besser geworden, und das lockt mehr Golfer an.“ Daß das „golferische Upgrade“, das er und sein Team dem Golfplatz in den vergangenen Jahren sukzessive verpaßt haben, freilich nicht als einzige Erklärung für die in den vergangenen Monaten erzielten Rekordzahlen herhalten kann, ist auch Flemming Maas bewußt.

Platzreifekurse – wie hier in Wall – waren in der Corona-Saison 2020 in den meisten Golfclubs der Region so gut gebucht wie noch nie. Foto: Wolfgang Weber

„Pay and play“ lautete das Motto in Wall bis zur Saison 2019: Wer beim Blick aus dem Fenster spontan Lust auf eine sonnige Golfrunde im Rhinluch bekam, konnte sein Handy getrost stecken lassen – eine Startzeiten-Buchung war allenfalls am Wochenende ratsam. Seit dem Restart der Golfanlage nach dem Frühjahrs-Lockdown im Mai geht in Wall ohne telefonische oder Online-Buchung einer Startzeit nichts mehr – an sieben Tagen in der Woche. Selbst mitten in der Woche muß man jetzt freie Startzeiten fast mit der Lupe suchen. Gut gebucht wie nie zuvor sind auch die an jedem Wochenende angebotenen Platzreifekurse. Flemming Maas: „Wir haben in dieser Saison viele neue Golfer gemacht“. Davon profitieren Nachbarclubs, aber natürlich in erster Linie Golf in Wall selbst: Die Mitgliederzahl ist in der Corona-Saison um rund 200 angewachsen auf weit über 1500.

Sehr ähnliche Erfahrungen – und das ganz ohne Platzumbau – machte in den vergangenen Monaten Sven Geisler, der Chef der GolfRange Großbeeren: „Wir haben in diesem Jahr eine Menge Leute mehr mit dem Thema Golf erreicht.“ Es bewahrheitete sich, was Geisler seinen Mitgliedern schon im Frühsommer prophezeit hatte: „Wo sonst kann man den geltenden Corona-Regeln besser nachkommen als auf dem Golfplatz? Golf an der frischen Luft ist eben der beste Sport – und das mit Abstand!“

Hat gut lachen nach der ungewöhnlichen, aber letztlich erfolgreichen Golfsaison 2020 –
Sven Geisler, Manager der GolfRange Großbeeren. Foto: Wolfgang Weber

Zwar führten die rund fünf Wochen Lockdown im Frühjahr zu empfindlichen Greenfees-Einbußen, zumal nach dem Restart weitere vier Wochen lang ausschließlich die Mitglieder den 9-Loch-Platz in Großbeeren bespielen durften. Doch ab Juni/Juli erlebte die GolfRange „einen Ansturm wie noch nie“. So konnten trotz der fehlenden Wochen zu Saisonbeginn die für 2020 budgetierten Greenfee-Einnahmen letztlich noch eingefahren werden. Und weit über Budget liegt die Teilnehmerzahl an den Platzreifekursen. Sven Geisler: „Seit Jahren hatten wir da eine leicht absinkende Kurve. Für dieses Jahr hatten wir mit rund 250 Teilnehmern geplant. Aus der Saison gehen wir jetzt mit rund 330.“

Auch bei den Mitgliederzahlen liegt die GolfRange im Corona-Jahr nach Angaben Sven Geislers deutlich über den Erwartungen: „Wir hatten mit circa 120 Neueintritten gerechnet, wir liegen jetzt Ende Oktober bei 160.“ Es hätten sogar noch mehr werden können: „Wir hatten noch nie einen Platzreifekurs im November. Diesmal sollte am 1. November noch ein Kurs starten; als wir den Anfang Oktober frei gaben, war er innerhalb zwei Tagen ausgebucht. Leider mußten wir ihn nun kurzfristig wegen des neuerlichen Lockdowns canceln.“ Unterm Strich zieht Sven Geisler eine überaus positive Schlussbilanz dieser ungewöhnlichen Golfsaison 2020: „Es ist Wahnsinn, was in der Golfbranche gerade abgeht. Man merkt, daß die Leute Sport treiben und sich bewegen wollen – und daß sie es heimatnah machen müssen.“

Eine Erweiterung der GolfRange Großbeeren?

Geisler will nicht ausschließen, daß die Pandemie indirekt sogar die Erweiterung der GolfRange um einen zweiten 9-Loch-Platz beflügeln könnte: „Es ist noch nichts entschieden. Aber nach der Entwicklung in diesem Jahr kann man natürlich unterstellen, daß der Kundendruck noch ein bißchen größer wird.“ Zumal niemand weiß, wie lange Corona und die daraus resultierenden Reisebeschränkungen die Welt noch in Atem halten. Geisler: „Auch im kommenden Jahr ist wohl nicht davon auszugehen, daß die Leute wieder viel verreisen können; die Menschen werden auch 2021 viel zuhause bleiben und sich vor Ort Freizeitangebote suchen müssen. Bis ein geeigneter Impfstoff gegen Covid 19 da ist und alle durchgeimpft sind, können schon noch ein, zwei Jahre ins Land gehen. Das ist unsere Prognose.“

Mit Erweiterungsplänen beschäftigt man sich bekanntermaßen auch bei den Golfanlagen Gross Kienitz  Das Genehmigungsverfahren für den Bau von sechs zusätzlichen Golfbahnen läuft; im günstigsten Fall könnten schon im vierten Quartal 2021 die Bagger anrollen. Wirtschaftlich wäre das mehr als wünschenswert; den die Mitgliederzahl stagniert – gemäß den DGV-Statuten – seit Längerem bei 2100. Erst bei einer Erweiterung der Golfanlagen von derzeit 30 auf 36 Golfbahnen – und somit zwei komplette 18-Loch-Plätze – könnte die Mitgliederzahl auf 2800 gesteigert werden. Der Bedarf ist offenbar da. Die Nutzerzahlen der Golfanlage, so eine Mitarbeiterin, „sind in den letzten Monaten geradezu explodiert“. Wie noch in keinem Jahr zuvor waren insbesondere an den Wochenenden sämtliche Startzeiten – auf dem Robert-Baker-Championshipkurs, dem 9-Loch-Brillen.de-Platz und auf dem 3-Loch-Übungsplatz – schon Tage im voraus restlos ausgebucht.

Die Golfanlagen Gross Kienitz – hier der Teich vor dem 18. Grün – hoffen auf eine rasche Genehmigung der Erweiterungspläne um sechs Spielbahnen.
Foto: Y. Yovel

Überstunden wie noch nie schoben die vier Golflehrer und ihre zwei Auszubildenden auf den beiden Driving Ranges und den sonstigen Übungsanlagen. Clubmanagerin Ariane Fränkle: „Die Pro‘s waren monatelang von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang im Dauereinsatz; manchmal kamen die kaum zum Mittagessen.“ Gerade Jugendliche interessieren sich vermehrt für Golf, da viele Mannschafts- und Kontaktsportarten coronabedingt stark eingeschränkt sind. Frühzeitig ausgebucht waren aber nicht nur die Kinder-Ferienkurse: „Ganze Familien haben sich für Platzreifekurse angemeldet, das hatten wir so noch nie.“

„Die Leute konnten nicht verreisen und spielen jetzt einfach mehr Golf“, konstatiert Ariane Fränkle,  die auch Vizepräsidentin des Landesgolfverbandes Berlin/Brandenburg ist und ähnliche Erfahrungen auch von ihren Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Clubs hört. Eine aus Club-Sicht sehr positive Tendenz: „Viele Gelegenheitsspieler wurden zu Viel-Golfern – sie haben ‚kleine Spielrechte‘, also quasi ‚Light-Memberships‘, upgegraded auf volle Mitgliedschaften ohne Spielrechtsbegrenzung.“ Deutlich auf dem Rückzug sind hingegen die früher sehr beliebten, weil preiswerten Fernmitgliedschaften. Fränkle: „Das rüttelt sich jetzt regional zusammen – dort, wo man Mitglied ist, möchte man jetzt auch öfter spielen.“

Eine neue Tendenz beobachtete die Golfmanagerin auch bei den Turnieren. Während viele große, traditionelle Sponsoren- und Firmenturniere abgesagt wurden, erlebten kleinere Clubturniere wie der Monatscup oder die Brillen.de-Cup-Serie über neun Löcher einen Zulauf, wie nie zuvor. Ariane Fränkle: „Kleine, sportliche Turniere ohne großes Drumherum und aufwendiges Buffet sind sehr gefragt und manchmal Wochen im voraus ausgebucht.“

Flemming Maas hofft derweil auf einen nicht allzu strengen Winter. Denn anders als die meisten anderen Golfanlagen in Berlin/Brandenburg verzichtet Golf in Wall traditionell auf Wintergrüns, was viele Mitglieder, aber auch Greenfeespieler überaus begrüßen. Freuen dürfen sich die Wall-Fans schon auf den nächsten Sommer: Dank eines neuen, erhöhten Abschlags wird die 18. Bahn dann ein spektakuläres Runden-Finale und eine Nervenkitzel-Herausforderung für Longhitter bieten. Der Kettenbagger und der Radlader sind dafür gerade wieder mächtig im Einsatz…

Lesen Sie auch:
Neubau und Fusion: Gross Kienitz plant zweiten 18-Loch-Platz