Rasenmähen in Endzeitstimmung

Rasenmähen in Endzeitstimmung
"Systemrelevant für den Golfplatz": Greenkeeper dürfen in diesen Tagen anders als die Golferinnen und Golfer noch auf den Platz. Foto: Privat

Seit der Sperrung aller Golfanlagen sind nur noch die Greenkeeper auf den Plätzen unterwegs. Sie haben jetzt freie Bahn, können die Plätze aufpolieren wie nie zuvor und sehen in der Corona-Krise auch eine Chance. Ein Stimmungsbild aus Wittenbeck, Großbeeren, Seddin und Stolper Heide.

„Es ist etwas unheimlich“, sagt Peter Carow, Headgreenkeeper der GolfRange Berlin-Großbeeren. „Wenn ich jetzt Tag für Tag ganz allein auf dem Platz unterwegs bin, wo normalerweise viele Golfer spielen, dann trudeln die Gedanken schon mal in Richtung der Endzeitfilme ab, die man so kennt.“ Seit vergangenen Mittwoch sind alle Sportanlagen im Land gesperrt, um die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen. Das betrifft auch sämtliche Golfplätze. Die Greenkeeper halten die Stellung.

Spargelstechen statt Rasenmähen

Auf der 9-Loch-Anlage in Großbeeren, im Süden den Hauptstadt, sind es Peter Carow und zwei Kollegen. Noch. „Wir werden den Pflegebetrieb zeitnah etwas runterfahren, natürlich ohne den Platz runter zu wirtschaften“, berichtet Carow. Die Grüns seien bereits aerifiziert worden, nun werde er weiter mähen und bei Bedarf die Beregnung aktivieren. Die beiden anderen Platzarbeiter würden zwischenzeitlich einem Landwirt bei der Spargelernte helfen, der durch die Abschottung Deutschlands in der Corona-Krise keine Saisonarbeiter bekomme. „Das ist unser Plan, um auf die fehlenden Einnahmen zu reagieren“, sagt Carow.

Das Ostsee Golf Resort Wittenbeck. Foto: Promo

Henrik Gloger, der das Greenkeeping im Ostsee Golf Resort Wittenbeck leitet, droht angesichts einer Mannschaft von zwölf Mitarbeitern nicht zu vereinsamen. „So blöd das klingt: Aus Sicht von uns Greenkeepern hat die Platzsperre auch ihr Gutes, weil wir in der Platzpflege einiges tun können, was im laufenden Betrieb nicht möglich wäre“, betont der 53-Jährige. Nach den vielen Regenfällen sei der Platz gerade seit einer Woche wieder befahrbar. „Wir machen nun das Beste aus der Situation und haben uns viel vorgenommen“, sagt Gloger. Nächste Woche werde vertikutiert, in zwei Wochen würden die Grüns aerifiziert. Ohne Spieldruck regeneriere der Golfplatz nach dem Winter viel schneller.

„Corona-Golfer“ stellen sich dumm

Wobei Gloger in den vergangenen Tagen noch vereinzelt Golfer auf dem Platz getroffen hat – um nicht erwischt zu sagen. „Wir haben einen Bauzaun aufgestellt, überall stehen Schilder, auch die Abschlagsmarkierungen und Fahnen haben wir entfernt“, erzählt er. „Aber die Leute stellen sich dumm oder zeigen sich uneinsichtig und verweisen darauf, dass sie doch allein seien und niemandem etwas tun.“

Seddins Course Superintendant David Duke. Foto: Mike Wolff

Dieselbe Erfahrung haben auch schon Seddins Course Superintendent David Duke und sein Team gemacht. „Corona-Golfer“ würden höflich vom Platz geschickt, sagt er, obwohl der Anblick der verwaisten Bahnen ihn selbst ein wenig traurig stimme. „Ein Golfplatz ohne Golfer ist nur ein Feld, eine teure Wiese“, bedauert Duke. Dabei sei es derzeit möglich, doppelt so schnell wie sonst zu arbeiten, weil man das Mähen und Bunkerharken nicht für Golfer unterbrechen müsse.

„Nach zwei sehr trockenen Sommern bietet sich für unsere Plätze jetzt gerade eine Chance zur Erholung“, erklärt der Rasenexperte. Im Herbst und Winter habe es genügend Regen gegeben, so dass der Boden ausreichend Feuchtigkeit habe, um ihn mit Pflegemaßnahmen zu bearbeiten. Jetzt, wo keine Eile mehr geboten sei, bleibe Zeit, sich auch intensiver um Trockenstellen zu kümmern und diese zu renovieren. „Diese Zwangspause wird für den Pflegezustand unserer beiden Plätze in jedem Fall einen Unterschied machen“, prophezeit Duke. Er hoffe dennoch, dass die Platzsperrung nicht allzu lange anhalte, im Sinne der Golfer und auch seiner Mitarbeiter: „Wir wollen versuchen, so weit wie möglich auf Kurzarbeit zu verzichten.“ Es sei heute schwer, gute Greenkeeper zu bekommen und umso wichtiger, diese auch zu wertschätzen.

Der Berliner Golfclub Stolper Heide verfolgt einen kreativen Ansatz und leitet die Azubis des Clubs zum Rasenmähen an. Foto: BGC Stolper Heide

Der Berliner Golfclub Stolper Heide bildet ab der kommenden Woche gewissermaßen neue Greenkeeper aus: die Auszubildenden des Clubs, die normalerweise am Counter sitzen, sowie die Golflehrer-Azubis. „Wir wollen die Platzpflege sicherstellen für den Fall, dass ein Teil unseres Greenkeeping-Team wegen Quarantäne ausfällt“, berichtet Headgreenkeeper Christian Franke. Das Mähen der zwei 18-Loch-Plätze und des Kurzplatzes sei nicht mehr gewährleistet, wenn plötzlich nur noch sechs der insgesamt zwölf Greenkeeper im Einsatz seien. Derzeit seien allein sechs Kollegen mit dem Beregnungssystem beschäftigt.

„Eine bessere Stellung am Markt verschaffen“

„Greenkeeping ist systemrelevant für einen Golfplatz“, drückt es Franke aus. „Wir können jetzt einen Nutzen aus der Situation ziehen und die Anlage und die Plätze in einen Zustand bringen, der uns eine noch bessere Stellung am Markt verschafft.“ Ohne Golfer auf dem Platz sei es möglich, etwa die Beregnung zu optimieren oder die Zielgrüns auf der Driving-Range nach den Vorstellungen der Pros zu erneuern.

Genauso wie um seine Mitarbeiter sorgt sich der Headgreenkeeper um die Golflehrer und die Clubgastronomie. „Denen sind alle Umsätze weggebrochen“, sagt Franke. „Ich fände es gut, wenn unsere Mitglieder jetzt Gutscheine für Trainerstunden oder für die Gastronomie kaufen, um sie nach der Corona-Krise einzulösen und jetzt zu helfen.“

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