„Die Spieler müssen lernen, sich zu schützen“

„Die Spieler müssen lernen, sich zu schützen“
Die gebürtige Berlinerin Silke Lüdike ist die Mentaltrainerin des deutschen Herren-Nationalteams. Foto: DGV/stebl

Wie sind die vielen Erfolge zu erklären, die deutsche Amateurgolfer plötzlich feiern? Die gebürtige Berlinerin Silke Lüdike betreut das Herren-Nationalteam seit sechs Jahren als Mentaltrainerin. Im Interview spricht sie über den Kopf als Knackpunkt und das schwierige Formen von Siegertypen.

Frau Lüdike, das deutsche Amateurgolf erlebt ein Rekordjahr: Das Herren-Nationalteam ist erstmals Europameister. Matthias Schmid hat seinen EM-Titel im Einzel verteidigt. Paula Schulz-Hanßen ist Europameisterin der Damen und Aline Krauter Women’s Amateur Champion. Wie bewerten Sie all diese Erfolge?

Silke Lüdike: Ich kann natürlich nur für den Herrenbereich sprechen. Die Spieler, die Team- Europameister geworden sind, kenne ich, seitdem ich vor sechs Jahren als Mentaltrainerin zum Golf Team Germany gekommen bin. Sie haben sich in ihrer Persönlichkeit in dieser Zeit enorm entwickelt. So wie ich mir das durch das gemeinsame Arbeiten erhofft hatte. Mental finde ich unsere Spieler sehr gefestigt. Ich denke, dass sie eine große Zukunft haben werden.

Besonders Matthias Schmid wird eine erfolgreiche Karriere vorausgesagt. Nationaltrainer Ulrich Eckhardt hat ihn zuletzt immer wieder als besten deutschen Golfer bezeichnet – Tourpros inklusive. Was macht ihn aus Ihrer Sicht so stark?

Lüdike: Matthias macht nichts, wovon er nicht überzeugt ist. Er schaut sehr genau auf sich und schafft es dadurch, mit seinen Gedanken im Moment selbst zu bleiben und sich von Vergleichen mit anderen zu lösen. Für ihn war der EM-Titel 2019 nur eine tolle Momentaufnahme uf seinem Weg nach oben. Und so wird er auch mit seinem erneuten Sieg umgehen. Ich kann nicht in Matthias hineinschauen, aber er wirkt wie die Ruhe selbst, sehr in Balance.

„Matthias Schmid hat sich seinen Erfolg hart erarbeitet“

Wie nah lässt er Sie als Mentalcoach ran?

Lüdike: Verglichen mit anderen Nationalspielern habe ich mit Matthias in der Vergangenheit sehr wenig gearbeitet, weil er erst spät in den Bundeskader gekommen ist und in den USA zum College geht. Als ich ihn 2015 als Jugendlichen kennengelernt habe, da hatte er gerade eine teaminterne Ausscheidung gegen Marc Hammer verloren und durfte nicht mit zur Junioren-Team-EM fahren. Das Team ist dann in Finnland Europameister geworden und Matthias war bei unserer anschließenden Feier dabei. Er hat mir damals erzählt, dass er unbedingt Golfprofi werden wolle und überzeugt sei, dass er das auch schaffe. Nach dem Abi ist er für kurze Zeit allein nach Spanien gegangen bevor seine Reise weiter in die USA ans College ging. Er hat sich seinen Erfolg hart erarbeitet. Seine Motivation und sein Fokus sind enorm. Matthias ist sehr klar und gefestigt in seiner Persönlichkeit, was das Arbeiten mit ihm sehr angenehm macht.

Als Einzel-Europameister der Amateure bekam Matthias Schmid 2019 unter anderem Einladungen zur Open Championship und zur Mauritius Open. Foto: Arne Bensiek

Was meinen Sie mit „klar“?

Lüdike: Er hat eine sehr gute Selbsteinschätzung. Das ist eine wichtige Grundlage, um zu wissen, wo die Herausforderungen eines Spielers liegen: all die Sachen, die noch in Arbeit sind oder noch nicht angegangen wurden und als rohes Potenzial in einem schlummern. Ich spreche gerne vom imaginären Golfkoffer, den ich als Spieler immer bei mir habe, mit all meinen Erfahrungen darin. Je besser ich meinen Koffer anschaue, ihn durchleuchte und mir über dessen Inhalt im Klaren bin, desto souveräner und vertrauter werde ich die Vielfältigkeit meines Golfspiels nutzen. Das macht Matthias intuitiv sehr gut.

Wie kann man sich Ihre Arbeit als Mentalcoach vorstellen?

Lüdike: Meine Arbeit besteht aus individuellen Gesprächen mit den Spielern, mal ist Bundestrainer Uli Eckhardt dabei, mal nur ich. Da geht es darum zu schauen, wo steht der Spieler und der Mensch gerade. Was geht ihm durch den Kopf? Ich versuche, die Spieler dabei zu begleiten, sich selbst kennenzulernen. Sie sollen lernen, Entscheidungen aus sich heraus und durch ihre Augen schauend zu treffen. Dafür stelle ich Fragen. Die Antworten und Lösungsideen werden durch sie selbst entwickelt, ich bin dabei eine Begleiterin.

Gemeinsam erfolgreich: Mentaltrainerin Silke Lüdike mit Herren Bundestrainer Ulrich Eckhardt und dem Europameisterpokal. Foto: DGL/stebl

Durch die coronabedingte Absage diverser Turniere haben die Spielerinnen und Spielern wichtige Fixpunkte verloren. Mental eine schwere Situation?

Lüdike: Definitiv. Wobei wir mit den Lehrgängen und Turnieren des Golf Team Germany versucht haben Anreize zu setzen. Für meine Arbeit hatte es sogar etwas Gutes. Ab Mitte April konnte ich intensiv mit allen Spielern arbeiten.

„Die Frage ist: Kann man Siegertypen formen?“

Was ist dran an der Behauptung, dass nur der Kopf den Unterschied macht zwischen den sehr Guten und den Besten?

Lüdike: Ich halte das für plausibel. Mit jedem Erfolgserlebnis gewinnt man ein Stück Souveränität und Selbstvertrauen. Das hilft, Misserfolge leichter zu überstehen. Häuft sich allerdings das Negative, kann man auch wieder zurücksacken in Angst oder Nervosität. Das kann jedem passieren. Da hilft es, wenn man sich Werkzeuge zugelegt hat, die einen beruhigen und ins Hier und Jetzt zurückbringen, etwa Atemübungen Wenn auf der Runde mein innerer Blick und damit verbunden meine Gedanken in die Vergangenheit oder in die Zukunft wandern, dann kann ich meine Augen und damit verbunden meinen Fokus wieder bewusst dorthin bringen, wo er hingehört: über den Ball, ins Hier und Jetzt. Die spannendste Frage ist aus meiner Sicht: Kann man Siegertypen formen?

Können Sie das?

Lüdike: Den unbedingten Willen, der notwendig ist, um in die Weltspitze zu gelangen, kann man niemandem beibringen. Den muss ein Spieler mitbringen. Aber es gibt weitere mentale Parameter, als Beispiel eine stetige Reflexion: Wenn ich im Training 100 Schläge mache, von denen 80 erfolgreich und und 20 fehlerhaft – wie gehe ich damit um? Natürlich muss ich mir die 20 genau anschauen und mich fragen:: Was kann ich besser machen? Aber mindestens genauso wichtig ist es auf die 80 erfolgreichen Aktionen zu blicken und diese zu differenzieren und zu sichern. Viele Spieler halten sich jedoch überwiegend mit den 20 misslungenen Schlägen auf. Das macht einen gewaltigen Unterschied. Wenn ich nur auf das schaue, was mir misslingt oder noch fehlt, dann bin ich unaufmerksam. Denn das, was ich kann, macht mich doch zu dem Spieler, der ich bin. Und diese Basis sollte ich hegen und pflegen.

Vor Ihrer Arbeit als Mentaltrainerin war Silke Lüdike Beachvolleyball-Bundestrainerin der Junioren. Foto: DGV/stebl

Beim Golf lässt sich wunderbar hadern mit dem Wind, mit dem fehlenden Glück oder mit dem eigenen Schwung. Davon würden Sie sicher abraten…

Lüdike: Als Beachvolleyballerin habe ich selbst oft mit dem Wind gehadert, der hat mich irre gemacht. Irgendwann habe ich verstanden, dass ich nur eine Chance habe: Ich muss den Wind innerlich zu meinem Freund machen – oder den Regen oder den Zuschauer mit den nervigen Kommentaren. Dieses mentale Grenzensetzen ist unheimlich wichtig, das vermittle ich unseren Spielern. Wer das kann, spart wertvolle Energie.

Heißt: Alles abperlen lassen?

Lüdike: Nein. Es hängt von der Situation und meiner jeweiligen Verfassung ab, wen ich an mich heranlasse, in meine „Zone“, meinen Wohlfühlbereich. Mal ist da Platz für den Austausch mit einem Zuschauer oder einem Mitspieler, mal nur für mich selbst. Dann ist meine Schutzzone wie ein Mantel, den ich mir überstreife. Wenn ich weiß, was mir guttut, fällt es mir natürlich leichter, mich zu schützen.

„Spieler erzählen sich nur das Schlechte vom Tag“

Haben Sie Situationen beobachtet, in denen das Grenzensetzen schief geht?

Lüdike: Mir ist das auf der Pro Golf Tour besonders aufgefallen. Viele Spieler kommen nach der Runde ins Clubhaus und erzählen sich dann beim gemeinsamen Essen nur das Schlechte vom Tag. Damit schenken sie sich gegenseitig den Misserfolg ein. Was will ich als Spieler mit den Informationen der anderen? Sie sind nur Ballast für mein Bewusstsein und nehmen unnötig Platz weg? Als Mentaltrainerin sage ich: Stopp! Wenn ich nach der Runde noch fünfmal erzähle, wie schlecht ich gechipt habe, dann sehe ich auch fünfmal diesen misslungenen Chip und dieses falsche Bild fällt dann als Information ins Unterbewusstsein und wird dort gespeichert.

Wie lerne ich idealerweise aus meinen Fehlern?

Lüdike: Die Arbeit mit inneren Bildern und der innere Dialog sind dabei entscheidend. Mag sein, dass man sich manchmal einen imaginären Tritt verpassen muss, weil man unaufmerksam ist. Aber sich erneut vorzustellen, was man falsch gemacht hat,das bringt einen nicht weiter. Viel besser ist die Frage: „Was hatte ich vor? Was muss ich tun, damit ich mein gewünschtes Resultat erhalte? Wie sieht dieser Schlag genau aus und wie fühlt er sich an?“ Dann speichere ich das richtige Bild, den richtigen Schlag ab. Stelle ich fest, dass ich den Schlag noch nicht beherrsche, weil mir für die optimale Handlung noch Informationen fehlen, dann ist das eine wichtige Erkenntnis. In dem Fall ist das eine wichtige Information für die Zusammenarbeit mit dem Trainer.

„Zweifel an Kaymer finde ich respektlos“

Wie können Sie dabei helfen, aus sehr guten Amateuren erfolgreiche Tourspieler zu machen, nach denen sich die Deutschen sehnen?

Lüdike: Ich vertraue drauf, dass die Arbeit, die Uli Eckhard und ich vor zwei Jahren im Herrenbereich begonnen haben, langfristig und nachhaltig Früchte tragen wird:: Wie konzipiere ich mein Training, wie periodisiere ich es? Wie gut kenne ich mich? In welchem Turnierrhythmus kann ich meine besten Leistungen erreichen? Nur mit Antworten auf diese Fragen können Spieler ihr Limit immer weiter nach oben verschieben, ihre Grenzen versetzen. Der Weg auf die Tour ist für die meisten lang und kräftezehrend. Da braucht es Mut und Ausdauer.

Wird trotz seiner Erfolge von vielen in Frage gestellt: Martin Kaymer, hier bei der European PGA Championship 2020. Foto: Adam Davy/PA Wire/dpa

Und ein dickes Fell?

Lüdike: Das hilft. Spieler werden ja ständig in Frage gestellt. Martin Kaymer ist dafür ein bekanntes Beispiel. Er hat mit seinen Majorsiegen und seinen Ryder-Cup-Erfolgen so viel erreicht und trotzdem sind von der Allgemeinheit auch Zweifel zu hören: Ob das mit ihm noch was wird? Das finde ich respektlos. Als wäre der Sportler eine Maschine. Das erinnert an Gladiatorenkämpfe: Es gibt nur Daumen hoch oder Daumen runter. Dafür sind nicht nur die Medien und Fans verantwortlich, sondern oft auch das nähere Umfeld, Eltern, Freunde. Damit muss ein Spieler erst einmal klarkommen. Anerkennung ist für jeden Menschen wichtig. Leistungssportler müssen lernen, sich zu schützen. Stellen wir uns doch einmal vor, wie es wäre, wenn wir in unserem Beruf nach einer weniger erfolgreichen Woche von allen in Frage gestellt werden, unsere Arbeit öffentlich diskutiert wird und wir gleichzeitig noch Einbußen in unserem Gehalt erfahren.

Zur Person

Silke Lüdike (49) ist in Berlin-Schlachtensee aufgewachsen, hat Beachvolleyball als Leistungssport betrieben und war von 2004 bis 2016 Bundestrainerin für den Nachwuchs im Beachvolleyball. In Berührung mit dem Golf Team Germany kam sie über ein Kennenlernen mit dem damaligen Jungen-Bundestrainer Ulrich Eckhardt am Rande der Youth Olympic Games 2014. Lüdike, die über eine umfangreiche Expertise in den Bereichen Persönlichkeitsentwicklung und Mentaltraining verfügt, arbeitete erstmals Ende 2014 mit den Spielern des Junior Golf Teams – parallel zu ihrem Posten als U19-Beachvolleyball Bundestrainerin. „2017 habe ich all meinen Mut zusammengenommen und habe mich als Mentaltrainerin selbstständig gemacht“, sagt sie, die seit 2018 gemeinsam mit Ulrich Eckhardt die Herren des Golf Team Germany betreut. Lüdike ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Kiel.