Keine „irischen Verhältnisse“ in Berlin

Keine „irischen Verhältnisse“ in Berlin
Stolzer Netto-Sieger: Der langjährige Organisator des Walter-Scheel-Pokals, Jürgen Simmer, erhielt den Wanderpokal aus den Händen von FDP-Parteichef Christian Lindner (links). Foto: Wolfgang Weber

Par-teitag – das klingt doch schon nach Golf! In Irland ist es gute Sitte, dass die Delegierten neben großen Reden immer auch ihre Schläger schwingen. So wie die FDP dieser Tage? Das fragt sich unser Kolumnist, der beim Walter-Scheel-Pokal in Wannsee sogar Neugolfer Christian Lindner traf.

War Berlin für ein paar Tage zu Irlands Metropole Dublin mutiert? Die zeitliche Koinzidenz der beiden Ereignisse fühlte sich beinahe an wie ein alter Brauch auf der Grünen Insel: Am vorletzten September-Wochenende hielten die Freien Demokraten in der Hauptstadt ihren Bundesparteitag ab. Und unmittelbar danach, am Montag, luden die Liberalen zur 18. Auflage des nach dem ehemaligen FDP-Parteivorsitzenden und Alt-Bundespräsidenten benannten Walter-Scheel-Pokals, der zum vierten Mal in Folge auf der Anlage des altehrwürdigen Golf- und Land-Clubs Berlin-Wannsee ausgetragen wurde. Was daran „irisch“ anmutet?

Spitzendiplomat Dan Mulhall, Botschafter der Republik Irland einst in Berlin, jetzt in Washington, ist begeisterter Hobby-Golfer. Foto: Wolfgang Weber

Parteitage in Irland – ganz gleich, ob schwarz, rot, grün, gelb oder andersfarbig – pflegen etwas anders abzulaufen als „on the continent“: „Es beginnt in der Regel mit einem gepflegten Golfturnier und einen gemütlichen Dinner mit Siegerehrung. Am nächsten Morgen startet dann der eigentliche Parteitag.“ Dies berichtet einer, der sich auf den wunderbaren Golfplätzen der Grünen Insel ebenso gut auskennt wie auf dem politischen Parkett – der ehemalige Botschafter der Republik Irland in Berlin, Dan Mulhall. Der Spitzendiplomat, der sein Land mittlerweile in Washington vertritt, ist ein guter und begeisterter Hobbygolfer und (nicht nur) deshalb ein idealer Repräsentant seiner golfbegeisterten Nation. In Irland ist der grüne Sport wahrlich ein echter Volkssport für jedermann, und niemand – auch kein Politiker – hat Scheu, sich zu seiner quasi angeborenen Golfleidenschaft offen zu bekennen.

Linder im Golfdialog mit Wowereit

Davon sind wir in Deutschland noch ein gutes Stück entfernt – und bleiben es auf absehbare Zeit wohl auch. Nicht ganz ernst gemeinte Nachfrage bei FDP-Parteichef Christian Lindner, der zwar vor einiger Zeit in Wannsee die Platzreife erlangt hat, seine Aktivität beim Turnier allerdings darauf beschränkte, abends im Clubhaus parteiübergreifenden Smalltalk mit Berlins ehemaligem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) zu üben und die Siegerehrung vorzunehmen: Bedeutet die räumliche und zeitliche Nähe von FDP-Parteitag und Walter-Scheel-Pokalturnier den Beginn einer neuen liberalen Tradition nach irischem Vorbild? Antwort Lindner: „Nein, das ist nur ein schöner Zufall.“

Schöne Kulisse und Traumwetter beim Walter-Scheel-Pokal in Wannsee. Foto: Wolfgang Weber

Dafür, dass Golf – auch nicht perfekt gespielt – sehr viel Freude bereiten kann, war der anscheinend stets gut gelaunte Walter Scheel („Hoch auf dem gelben Wagen“) ein beredtes Beispiel. Der damalige Bundespräsident und begeisterte Hobbygolfer fühlte sich einst als Ehrengast bei den German Open in Wannsee so wohl, erinnerte sich Turniersieger Jan Oelmann in seiner Bruttorede, „der wollte gar nicht mehr nach Hause“. Ein „Spätberufener“, berichtet Neugolfer Christian Lindner, „war auch Guido Westerwelle, der lange diesen Sport gemieden hat, weil er dachte, er sei mit zu vielen Klischees verbunden. Aber dann hat er festgestellt, wie viele junge Menschen sich heute für den Golfsport interessieren, wie viele Millionen Menschen weltweit Golfturniere im Fernsehen oder auf YouTube verfolgen.“

Lindner: „Golf ist ein toller Sport“

Resümee des Parteichefs Christian Lindner: „Golf ist heute kein Elitensport mehr. Golf ist einfach ein toller Sport, der den Menschen mit der Natur in Verbindung bringt und mit sich selbst. Denn wenn man dreimal hintereinander schlecht geschlagen hat, dann den vierten Schlag dennoch zu wagen, das“, sagt Lindner lachend, „ist eine Charakterprobe“.

Bislang, bekennt der FDP-Vorsitzende offenherzig, gelingen ihm auf der Driving Range gerade mal „gut fünf Prozent meiner Schläge“ – eine Prozentzahl, die seit jeher für die Liberalen eine besondere Bedeutung hat. Dass intensiver Golfunterricht zu wahrhaft „durchschlagendem Erfolg“ führen kann, bewies der in den vergangenen Wochen trainingsfleißige Jan Oelmann (Handicap -4,7): Er gewann mit stolzen 32 Brutto-Punkten und war damit an diesem Tag um einen Schlag besser als „der bessere Golfer“, Wannsees Clubmanager Yasin Turhal (-0,8).

Die gerade tiefengeschlitzten Grüns in Wannsee verursachten beim Walter-Scheel-Pokalturnier so manchen 3- oder 4-Putt. Foto: Wolfgang Weber

Den Walter-Scheel-Wanderpokal, eine kleine Bronze-Büste, gewann ein altgedienter Liberaler, der das Traditionsturnier über viele Jahre organisiert und geprägt hat: Jürgen Simmer. Der aus Wuppertal stammende Wahl-Berliner und begnadete Netzwerker kam von allen 79 Turnierteilnehmern mit den gerade tiefengeschlitzten Grüns am besten zurecht und gewann mit 41 Punkten die Netto-Wertung. Und verkündete in seiner unkonventionellen „Netto-Rede“ auch gleich, daß am 14. Juni 2021 „das zweite Großereignis des kommenden Jahres neben der Bundestagswahl stattfinden wird – der 19. Walter-Scheel-Pokal hier in Wannsee“.

„Wenn meine Zeit und meine Fähigkeiten es erlauben, bin ich gerne mit dabei“, hielt sich Christian Lindner für 2021 alle Möglichkeiten offen. Golf ist manchmal wie Politik…

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