US Masters: Langer, länger, DeChambeau

US Masters: Langer, länger, DeChambeau
Bryson DeChambeau auf der Proberunde für das US Masters 2020. Foto: REUTERS/Brian Snyder

Der Amerikaner Bryson DeChambeau gilt als großer Favorit für das US Masters, weil er den Ball weiter schlägt als alle anderen auf der Tour und doch eins gemeinsam hat mit seinem 63-jährigen Konkurrenten Bernhard Langer.

Glück spielt beim Golf immer mit. Mal hilft eine günstige Windböe, mal ein Stein oder ein Baum, der den Ball zurück auf die Spielbahn bugsiert. Der Spanier Jon Rahm brachte am Dienstag sogar Wasser ins Spiel, als ihm in seiner Einspielrunde für das 84. US Masters ein Hole-in-one gelang, das seitdem die Golfwelt elektrisiert.

Mit einem flachen Schlag und voller Absicht ließ der Weltranglistenzweite seinen Golfball wie einen Stein dreimal über einen großen Teich titschen, der auf Bahn 16 des Augusta National Golf Club zwischen Abschlag und Grün liegt. Rahms Ball erreichte nicht nur das rettende Ufer. Er rollte anschließend noch 17 Sekunden lang im großen Bogen über den fein manikürten Rasen, um letztlich im Loch zu verschwinden. Dieser beste Schlag im Leben des 26-Jährigen war obendrein das zweite Ass innerhalb von zwei Tagen. Setzt sich Rahms Glückssträhne fort, dürfte der Baske das Masters, das an diesem Donnerstag beginnt und bis Sonntag geht, gewinnen.

Als klarer Favorit beim prestigereichsten der vier Majorturniere gilt allerdings der Amerikaner Bryson DeChambeau. „The Scientist“, so sein Spitzname, hat das Golfspiel in den Rang der Wissenschaft gehoben. Wie kein anderer versucht der frühere Physikstudent, mittels Zahlen und Statistiken das Spiel beherrschbar zu machen und das Optimum aus seinen Schlägern herauszuholen. Eine Berufsauffassung, die nicht alle seine Gegner ernst nehmen.

DeChambeau schlägt bis zu 370 Meter weit

Belächelt wird DeChambeau nicht mehr, seitdem er im Frühjahr nach der wochenlangen Corona-Zwangspause der US PGA Tour plötzlich einen Körper präsentierte, der zwanzig Kilogramm mehr Muskeln trug als zuvor und viele spontan an den Actionheld Hulk erinnerte. Mit seinen 110 Kilogramm bei 1,85 Meter Körpergröße schlägt er den Golfball nun deutlich weiter als jeder andere auf der Tour – bis zu 370 Meter. Ein gewaltiger Vorteil, wie sich bereits bei der US Open im September zeigte. DeChambeau feuerte aus allen Rohren, nicht immer gerade, entschied das Turnier aber mit sechs Schlägen Vorsprung für sich.

Kam körperlich wie verwandelt aus der Corona-Zwangspause des US PGA Tour: Bryson DeChambeau. Foto: REUTERS/Mike Segar

„Augusta National ist ein Golfplatz, der Länge enorm belohnt“, sagt Gregor Tilch, der als Co-Bundestrainer für die College-Studenten in den USA zuständig ist. DeChambeau werde bei seinen Schlägen ins Grün dank kurzer Eisen oder Wedges steile Landewinkel haben, die ihm erlauben viele Fahnen direkt anzuspielen. Etwas, das auf den blitzschnellen und ondulierten Grüns für viele seiner Konkurrenten unmöglich ist.

Langer ist der einzige Deutsche im Teilnehmerfeld

Mit seiner bulligen Statur ist der Kalifornier der Antityp eines Bernhard Langer, der als ehemaliger Masterssieger automatisch für das Turnier qualifiziert ist – zum mittlerweile 37. Mal. Der gebürtige Schwabe ist der einzige Deutsche unter den 96 Teilnehmern. Längennachteile kompensiert der inzwischen 63-Jährige durch Platzkenntnis, Strategie und ein kurzes Spiel, das so gut ist wie eh und je. „Bernhard kennt jedes Break der Grüns im Schlaf und managt sich perfekt über den Platz“, sagt Gregor Tilch. „Es gibt für ihn nicht viele Bahnen, auf denen er eine leichte Chance zum Birdie bekommt, aber wenn er eine gute Drive-Woche hat, dann kann er sicher den Cut der besten 50 schaffen.“

Für den 63-jährigen Bernhard Langer ist es die 37. Teilnahme am US Masters. Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild

Langers enorme Akribie ist vielleicht die einzige Gemeinsamkeit mit Topfavorit DeChambeau, der sich trotz seiner gewaltigen Kraft das Feingefühl auf den Grüns bewahrt hat. Nicht am Start in Augusta sind Martin Kaymer, der als 84. der Weltrangliste keine Einladung bekam, und Sergio Garcia, Sieger von 2017, der wegen einer Coronainfektion nach 21 Jahren erstmals ein Majorturnier verpasst.

Keine Zuschauer und keine blühenden Azaleen

Überhaupt wird beim Masters wegen der Corona-Pandemie in diesem Jahr manches anders sein: Zuschauer sind erstmals nicht zugelassen. Durch die Verschiebung des Turniers vom April in den November bleibt die inoffizielle Gartenschau aus, die der Golfplatz im US-Bundesstaat Georgia im Frühjahr dank zig Tausend blühender Azaleen bietet.

Die Gartenschau bleibt diesmal aus: Der herbstliche Augusta National Golf Club im US-Bundesstaat Georgia. Foto: REUTERS/Mike Segar

Bryson DeChambeaus hat für seinen Teil angekündigt, auch einiges anders machen zu wollen in diesem Jahr. Angesichts seiner neugewonnenen Reichweite werde er die Grüns einiger Par-4-Bahnen direkt attackieren. Am spektakulärsten dürfte jedoch die Abkürzung werden, die DeChambeau über ein riesiges Waldstück links der 13. Bahn zu nehmen gedenkt. Gelingt ihm das, dürfte sein Ball auf der 14. Bahn landen, von wo ihm nur noch ein kurzes Wedge bis zum Grün dieses Par 5 bliebe. Selbst für Longhitter wie den Weltranglistenersten Dustin Johnson oder Titelverteidiger Tiger Woods ist dieser Luftraum über den Bäumen eine Flugverbotszone, weil sie mit ihrem Ball in der Luft keine 350 Meter überwinden können. „Tiger darf man beim Masters nie abschreiben“, betont Gregor Tilch nichtsdestotrotz. Ein erneuter Erfolg des fünffachen Siegers von Augusta würde ihn aber noch mehr überraschen als 2019. Da zeigte sich Woods im Vorfeld des Masters in guter Form – anders als in diesem Jahr, in dem er nur acht Turniere spielte und nur zweimal in den Top 10 landete.

Tilch: Koepka, Hatton, Wolff und Morikawa unter den Favoriten

Die „Tigerline“, wie man im Golf die jeweils wagemutigste aller Spiellinien nennt, könnte nach diesem Masters einen neuen Namensgeber erhalten. Sofern Bryson DeChambeau das nötige Glück hat. Gregor Tilch zählt zum Favoritenkreis für das grüne Jacket auch noch Brooks Koepka, Tyrell Hatton, Matthew Wolff und Collin Morikawa. „Für die jungen Spieler ist es definitiv ein Vorteil, dass keine Zuschauer da sind“, ist Tilch überzeugt. „Die Atmosphäre beim Masters hat schon viele eingeschüchtert.“

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