World Handicap System: „Freude und Entsetzen“

World Handicap System: „Freude und Entsetzen“
Hoch oder runter? Die meisten Golferinnen und Golfer haben seit Jahresbeginn ein neues Handicap. Foto: Mike Wolff

Viele Golferinnen und Golfer haben seit Jahresbeginn ein neues Handicap. Manche sind begeistert, andere entsetzt über die Stammvorgabe nach dem World Handicap System. Vom Pro bis zum Clubmanager liefern wir fünf verschiedene Blickwinkel auf die Vor- und Nachteile des neuen Regelwerks.

Ronald Bodenstein, DGV-Wettspielleiter und Vize-Präsident des Golfverbands Berlin-Brandenburg:

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Ronald Bodenstein ist Wettspielleiter und Vize-Präsident des Golfverbands Berlin-Brandenburg. Foto: Privat

Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, mein neues Handicap abzufragen. Vermutlich ist es etwas besser geworden als die 24, die zuletzt hatte, weil ich im vergangenen Jahr für meine Verhältnisse ganz ordentlich gespielt habe. Anders offenbar als ein Golfer aus dem Märkischen Golfclub Potsdam, der mich heute ganz entsetzt anrief. Sein neues Handicap sei um ganze sieben Punkte gestiegen; das könne unmöglich stimmen. Er wollte von mir unbedingt die Formel haben, nach der die Stammvorgabe jetzt berechnet werde, um den offensichtlichen Fehler auszuräumen. Ich habe ihm erklärt, dass sich das Handicap nun aus den besten acht Ergebnissen der letzten 20 vorgabewirksamen Runden zusammensetzt. Bei weniger als 20 vorgabewirksamen Runden in den vergangenen vier Jahren werden entsprechend auch weniger als acht Runden gewertet. Es ist daher nicht unrealistisch, dass sich einige Handicaps stark verändert haben – im Guten wie im Schlechten. Mir ist mein Handicap übrigens ganz egal, ich möchte Spaß haben auf dem Golfplatz. Mit der Einstellung habe ich es jetzt sogar zum Plushandicap gebracht. Allerdings ohne mein Zutun. Nach dem World Handicap System wird aus dem bisherigen Minus-Handicap und Plus-Handicap und andersrum.

Joel Goodson, Head-Pro des Berliner Golf Club Gatow und Trainer des Damen-Bundesliga-Team:

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Gatows Head-Pro Joel Goodson  Foto: Mike Wolff

Ich finde das neue World Handicap System sehr reizvoll, weil es schnellere Änderungen ermöglicht als bisher. Das liefert gerade für gute Spieler einen zusätzlichen Anreiz. Meine Bundesliga-Spielerinnen haben sich allesamt verbessert, sogar Leonie Reuter um 0,2 Punkte auf -1,0 – dabei hat sie im vergangenen Jahr wegen der Geburt ihres Kindes gar nicht gespielt. Ich hoffe, dass das neue System auch vielen Mut macht, die ihr bisheriges Handicap vielleicht schon seit Jahren nicht mehr spielen können und aus Frust darüber aufgehört haben, vorgabewirksam zu spielen. Manchmal ist das Alter schuld, mal eine Verletzung. Jetzt können diese Golferinnen und Golfer sehr schnell eine realistische Stammvorgabe bekommen, die ihnen beim Blick auf die Netto-Stablefordpunkte auch wieder mehr Freude bereitet. Gespannt bin ich darauf, welchen Einfluss die ebenfalls neue Regelung der Startplatzvergabe bei internationalen Turnieren haben wird. Bisher war das Handicap der Schlüssel, zukünftig ist es die Platzierung in der Europäischen Amateur-Rangliste. Das könnte dazu führen, dass etwa bei einer Internationalen Deutschen Amateurmeisterschaft deutlich weniger deutsche Spielerinnen und Spieler ins Teilnehmerfeld kommen.

Sven Geißler, Clubmanager der GolfRange Berlin-Großbeeren:

Sven Geißler  Foto: Mike Wolff

Etwa die Hälfte unserer Mitglieder hat ein Handicap von 36 und höher. Dem Großteil dieser Gruppe ist ihre Stammvorgabe egal, die wollen nur Golf spielen. Einige haben sich schon bisher nicht dafür interessiert, wie das Stableford-Punkte-System funktioniert, und die werden sich auch nicht am World Handicap System stören. Helfen und vermitteln müssen wir in Fällen, in denen der Wechsel zur neuen Berechnung nicht reibungslos ablief, wie zum Beispiel bei einer Frau aus unserem Club, die plötzlich nicht nur dasselbe Handicap hatte wie eine Namensvetterin aus Hamburg, sondern auch exakt dieselben gespielten Turniere und Ergebnisse auf ihrem Stammblatt. Ein positiver Effekt des flexiblen neuen Systems ist, dass das Handicap-Schonen nicht mehr so wie bisher möglich sein wird. Das erspart den Clubs, den Turnierveranstaltern, aber vor allem den anderen Golferinnen und Golfern unschöne Situationen und macht den Wettbewerb fairer.

Dieter Hadynski, Amateur und Dauer-Turnierspieler aus dem Golf Resort Berlin Pankow:

Reederei Hadynski, Golf, Pankow
Dieter Hadynski  Foto: Privat

Ich habe im vergangenen Jahr mehr als 200 vorgabewirksame Turniere gespielt. Insofern habe ich keine große Überraschung bei meinem neuen Handicap erwartet. Es war am 1. Januar mit 13,8 genau 0,3 Punkte besser als nach meinem letzten gespielten Turnier. Aber da ich seit Jahresbeginn schon ein paar Turniere mit dürftigen Ergebnissen gespielt habe, liege ich inzwischen wieder bei 14,2. In Pankow habe ich sowohl von starken Handicap-Verbesserungen als auch Verschlechterungen gehört: Einer ist von 6 auf 2 runter, hat sich darüber gefreut, aber auch ganz schön gestöhnt, weil ihm seine neue Spielvorgabe jetzt natürlich deutlich mehr abverlangt. Ein anderer ist deutlich hochgestuft worden und war damit gar nicht happy. Was mich am World Handicap System freut, ist die internationale Vergleichbarkeit. Denn wenn ich in zwei Jahren in Rente gehe, will ich durch Europa fahren, tolle Golfplätze abklappern und natürlich auch Turniere spielen.

Joachim Otto, Clubsekretär im Berliner Golfclub Stolper Heide:

Joe Otto, Stolper Heide, Golf, Berlin
Stolper Heides Clubsekretär Joachim Otto. Foto: Privat

Unsere Beobachtung ist, dass durch das neue World Handicap System die Stammvorgaben ab 4 aufwärst im Durchschnitt einen Punkt höher geworden sind. Im Einzelfall gab es auch krasse Sprünge wie etwa bei einer Dame, die eben am Schalter stand und ein ernsthaftes Problem darin sah, dass sie sich von 25 auf 17 verbessert hat. Unsere Spitzenspieler haben sich allesamt verbessert, zum Teil erheblich. Carl Siemens zum Beispiel hat einen Sprung gemacht von +1 auf jetzt -4. Die meisten Mitglieder werden die Veränderung aber erst bemerken, wenn sie voraussichtlich ab Ende Februar ihre neuen Clubausweise bekommen.

Ich finde es gut, dass Turniere zwischen Mai und September von nun an immer vorgabewirksam sind, es sei denn, es handelt sich um einen Scramble. Ich hätte auch nichts dagegen gehabt, dass der Deutsche Golf Verband (DGV) auch alle privaten Golfrunden als vorgabewirksam erklärt, so wie es außerhalb von Deutschland gang und gäbe ist. Aber offenbar haben wir hierzulande zu große Angst vor Schummlern. Die betrügen sich ja eigentlich nur selbst und fallen bei Turnieren nach dem neuen System noch stärker auf. Vermutlich ist der DGV nicht so weit gegangen, weil er den Clubs die lukrative Einnahmequelle der Startgelder bei Turnieren und EDS-Runden nicht wegnehmen wollte.

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