„Andere haben mehr in mir gesehen als ich“

„Andere haben mehr in mir gesehen als ich“
Falko Hanisch vom Berliner Golfclub Stolper Heide. Foto: Mike Wolff

Für manche war Falko Hanisch schon der nächste Martin Kaymer: erster deutscher Sieger bei den British Boys seit 30 Jahren, Junior Ryder Cup, Nationalspieler, blitzgescheit. Warum Hanisch seinem US-College und dem Ziel Tourspieler den Rücken kehrt, erklärt der 20-Jährige im Interview.

Herr Hanisch, Sie sind im vergangenen September nach Las Vegas gezogen, um an der University of Nevada zu studieren und für eines der besten Collegegolf-Teams in den USA zu spielen. Alles deutete darauf hin, dass eines der größten deutschen Golftalente nun den Karriereturbo zündet. Warum sind Sie zurück in Berlin?

Falko Hanisch: Ich habe im Winter die Entscheidung getroffen, nach Deutschland zurückzukehren und mich an der Berliner Charité um einen Studienplatz in Medizin zu bewerben. Als Kind und Jugendlicher war mir immer klar: Wenn ich eines Tages studiere, dann Medizin. Dann kamen aber meine Erfolge als Golfer, der Sieg bei den British Boys mit 16 Jahren, die Nominierung für den Nationalkader und den Junior Ryder Cup. Die Alternative Golf ist bei mir Schritt für Schritt immer weiter in den Vordergrund gerückt. Anfang 2017 habe ich der University of Nevada in Las Vegas mein Wort gegeben, weil ich wusste, dass ich dort mit einem Golfstipendium ideale Bedingungen habe, um ein besserer Golfer zu werden. Ich habe alles auf die Karte Golf gesetzt.

Ihr Spiel – zumindest in Las Vegas – ist jetzt aus. Was ist passiert?

Hanisch: Ich bin mit der Einstellung in die USA gegangen, 110 Prozent zu geben für Golf. Hartes Training auf der Range, auf dem Platz, beim Fitnesstraining, mit dem Mentaltrainer. Statt beim Golf aufzublühen, ist mein Frust auf dem Platz aber immer größer geworden. Meine Ergebnisse waren nicht mehr so gut. Ich habe es nicht geschafft, das aus meinem Spiel herauszuholen, was ich reingesteckt habe. Durch die in mir aufsteigende Frustration und den Selbstzweifel habe ich all meine Leichtigkeit verloren. Eine Eigenschaft, die mich immer ausgezeichnet und erfolgreich gemacht hat. Da haben bei mir alle Alarmglocken geläutet. Mir war klar: Hier läuft etwas grundlegend falsch, ich muss etwas ändern.

Im Dress der University of Nevada Las Vegas: Falko Hanisch. Foto: UNLV

Rückschläge und Tiefpunkte begleiten jeden Golfprofi. Haben Sie zu früh aufgegeben?

Hanisch: Nein. Golf ist meine große Passion, und es fasziniert mich, alle Facetten dieses genialen Spiels zu perfektionieren. Und doch habe ich mich interessanterweise nie als Tourspieler gesehen. Ich habe das Hier und Jetzt im Golf immer genossen, ohne mir große Fernziele zu stecken. Wettkampf spornt mich an, aber ich bin nie wie andere – um es mal drastisch zu sagen – über Leichen gegangen, um zu gewinnen. Meine Herangehensweise war immer spielerisch, mit Spaß – und durchaus mit Erfolg. Für Tourspieler und die, die es werden wollen, wird Golf aber zu einer sehr ernsten Angelegenheit. Ich habe oft gehört: Du bist zu gut, um es nicht zu probieren. Ich habe es ausprobiert und mich letztlich dagegen entschieden.

Denen, die weniger Talent haben als Sie, aber von einer Golfkarriere träumen, wird das nicht gerade Mut machen.

Hanisch: Talent ist nur ein Startschuss, ein Impuls. Danach braucht es Treibstoff. Und das ist ein unbedingter Wille. Den habe ich in meinem tiefsten Inneren nie komplett gespürt. Aber bitte nicht falsch verstehen: Das macht mich nicht traurig. Es geht mir sehr gut damit, so wie es ist.

Sein größter Erfolg als Amateur: 2016 gewinnt Falko Hanisch als erster Deutscher nach mehr als 30 Jahren die British Boys im schottischen Muirfield. Foto: Foto: Mark Runnacles/R&A

Manche haben Sie schon für den nächsten Martin Kaymer gehalten.

Hanisch: Erst im Nachhinein ist mir klar geworden, dass andere in mir immer viel mehr Potenzial gesehen haben als ich selbst. Sogar nach wichtigen Siegen wie bei den British Boys oder als einziger Deutscher beim Junior Ryder Cup habe ich mich nie für extrem gut gehalten. Komischerweise fand ich das alles fast normal.

Auf Ihrem bisherigen Weg hatten Sie einige Unterstützer. Hatten Sie Angst, jemanden mit Ihrer Entscheidung gegen eine Profikarriere zu enttäuschen?

Hanisch: Ich hatte die Befürchtung, dass einige Leute, die Zeit und Lebenskraft in mich investiert haben, meinen Entschluss schade fänden. Aber Bammel hatte ich nicht. Für mich hat überwogen, mit mir selbst im Reinen zu sein, statt es anderen recht zu machen. Dennoch ist mir wichtig zu sagen, dass ich eine große Dankbarkeit denen gegenüber empfinde, die mir auf meinem Weg geholfen haben.

Wie haben Ihr Trainer Gregor Tilch und die College-Coaches reagiert?

Hanisch: Ich habe mit Gregor schon Ende 2018 über meine Gedanken gesprochen. Dass Golf für mich nicht alles ist, dass ich über den Tellerrand schaue und auch andere Optionen sehe. Das Thema kannte er. Und weil er auch mich sehr gut kennt, hat ihn meine Entscheidung wahrscheinlich gar nicht so sehr überrascht. Bei den Coaches in Las Vegas hatte ich damit gerechnet, dass sie versuchen würden, mich umzustimmen. Es kam aber anders. Als ich ihnen meine Gründe dargelegt habe, waren sie überraschend verständnisvoll und haben meine Entscheidung respektiert. Wir haben vereinbart, das Beste aus der restlichen Saison zu machen. Ich habe versucht, Spaß zu haben, mich nicht mehr aufzuregen, wenn etwas Schlechtes passiert. Plötzlich habe ich völlig befreit gespielt, war immer unter den Besten im Team, wenn nicht sogar der Beste. Dann kam im März Corona, innerhalb von 48 Stunden wurde der Rest der Saison abgesagt und es hieß: Falko, du kannst nach Hause fliegen.

Falko Hanisch mit seinem Trainer und Mentor Gregor Tilch. Foto: Mike Wolff

Wie gut kann man Golf spielen, wenn man nebenbei ernsthaft Medizin studiert?

Hanisch: (lacht) Das habe ich mich auch gefragt. Sicher wird die Anzahl der verschiedenen Schläge in meinem Repertoire kleiner. Das merke ich schon jetzt bei Pitches und Lobshots. Aber ich besinne mich umso mehr auf das, was ich kann. Golf ist für mich jetzt wieder Passion und ich freue mich extrem, wenn ich auf dem Golfplatz stehe. Das wirkt sich positiv aus. Gewisse Fehlschläge muss man akzeptieren.

Von der Sportschule im Berliner Olympiapark sind Sie 2018 als Eliteschüler des Jahres ausgezeichnet worden. Ihr Abitur haben Sie anschließend mit dem Notenschnitt 1,0 gemacht. Platt gefragt: Sind Sie zu schlau für den Profisport?

Hanisch: Ich glaube, dass es als Profisportler zumindest nicht förderlich ist, Interessen und Talente in vielen anderen Bereichen zu haben. Man setzt nicht so leicht alles auf eine Karte, wenn einen viele Dinge erfüllen. (räuspert sich) Ich warte eigentlich die ganze Zeit schon auf Ihre Frage, ob ich meine Entscheidung nicht bald bereuen werde.

Sie klingen sehr entschlossen.

Hanisch: Das freut mich.

Falko Hanisch, Golf-Team-EM
Falko Hanisch im Einsatz für das Golf Team Germany bei der Mannschafts-Europameisterschaft 2018 in Bad Saarow. Foto: Mike Wolff

Würden Sie denn im Rückblick etwas anders machen?

Hanisch: Wenn ich zurückschaue auf meine erfolgreichste Zeit, die Jahre 2016 und 2017, dann würde ich mir selbst sagen: Nimm es nicht als selbstverständlich hin, dass du so gut spielst. Freue dich darüber. Denn ich bin nach meinen Erfolgen am nächsten Tag trainieren gegangen, als wäre nichts passiert. Ich habe keine Sekunde reflektiert, warum ich eigentlich so gut bin, was mich antreibt.

Die Hoffnung, einmal das Green Jacket beim Masters überzustreifen. Das würden viele Spitzenamateure sagen.

Hanisch: Ich wollte beim Golf Spaß haben. Die Vorstellung, als erfolgreicher Golfer anderen Menschen in irgendeiner Weise helfen zu können, hat mich mehr angetrieben als der Traum vom Green Jacket. Das soll nicht so klingen, als wolle ich alleine die Welt retten. Aber andere Menschen zu inspirieren, ihnen zu helfen, das gibt dem ganzen Training und den Rückschlägen aus meiner Sicht erst einen Sinn. Als ich gemerkt habe, dass ich diese Ziele als Golfer nicht erreichen kann, habe ich mich für einen anderen Weg entschieden: das Medizinstudium.

Und ab jetzt mittwochs Herrengolf?

Hanisch: Nein, ich werde weiterhin versuchen, mein bestes Golf zu spielen und den Berliner Golfclub Stolper Heide in der Deutschen Golf Liga zu unterstützen. Deutsche Meisterschaften, Internationale Amateurmeisterschaften in Holland, Dänemark und Großbritannien, das sind jetzt meine sportlichen Ziele. Und Spaß haben. Die Zeit in den USA bereue ich kein bisschen, denn sie hat mich sicher reifer gemacht. Aber den Frust auf dem Golfplatz, den ich dort erlebt habe, werde ich nicht vermissen.

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