„Elektronische Scorekarte ist noch ein Desaster“

„Elektronische Scorekarte ist noch ein Desaster“
Es könnte alles so einfach sein: Mit der elektronischen Scorekarte sollen Ergebnisse per Smartphone-App an den Club übertragen werden. Foto: DGV

Abstand halten und kontaktlos sind die Wörter der Stunde. Eigentlich kommt der Deutsche Golf Verband mit seiner elektronischen Scorekarte also genau zur richtigen Zeit. Doch ein erster Härtetest im Berliner Golfclub Stolper Heide zeigt eher ein digitales Desaster.

Bei einem Turnier am Mittwoch erklärte der Berliner Golfclub Stolper Heide das noch junge digitale Angebot des Deutschen Golf Verbands (DGV) erstmals für verpflichtend, um die Technik einer ernsthaften Probe zu unterziehen. „Es ist schön und gut, dass derzeit überall Turniere gespielt werden, bei denen die klassischen Scorekarten nicht mehr getauscht werden dürfen, damit sich die Golferinnen und Golfer nicht gegenseitig anstecken können“, sagt Stolpes Clubsekretär Joe Otto. „Aber was ist mit uns Mitarbeitern der Golfclubs, die am Ende die Karten zur Erfassung in die Hand nehmen müssen?“ Die digitale Scorekarte des DGV komme insofern gerade recht, da die Ergebnisse nach der Runde per Smartphone-App an den Club übertragen werden – zumindest theoretisch.

Joe Otto, Stolper Heide, Golf, Berlin
Stolper Heides Clubsekretär Joe Otto. Foto: Privat

„Am Anfang sah alles noch gut aus, bis es ans digitale Unterschreiben der Scorekarte ging“, berichtet Otto. „Viele haben eine Fehlermeldung bekommen und standen dann plötzlich ratlos vor mir am Tresen.“ Schlimmer noch: Selbst bei denen, die das Unterschreiben und die Übertragung scheinbar erfolgreich hinter sich gebracht und sich auf den Heimweg gemacht hatten, habe die Technik letztlich nicht funktioniert. „Von 18 Ergebnissen kamen nur 12 bei uns an und wir mussten anschließend den Leuten hinterhertelefonieren und erfragen, was sie an welchen Löchern denn gespielt haben“, ärgert sich der Clubsekretär.

„Auf absehbare Zeit nicht mehr nutzen“

Wo genau die Probleme des neuen Systems liegen, das der DGV mit der Auslieferung der klassischen Clubausweise in diesem Jahr sinngemäß als kleine digitale Golfrevolution gefeiert und beworben hatte, ist Joe Otto unklar. Vielleicht sei die App selbst das Problem, vielleicht liege es am das Zusammenspiel zwischen der App und dem Intranet-Server des DGV. „In der aktuellen Form ist das ein nicht tragbares Desaster, weshalb wir die elektronische Scorekarte auf absehbare Zeit auch nicht mehr nutzen werden, solange die Technik nicht funktioniert“, stellt Otto klar. Auch der Golf- und Country Club Seddiner See hatte kürzlich erste Erfahrungen mit der elektronischen Scorekarte machen wollen und erlebte bei einem Clubturnier eine ähnliche Ernüchterung wir in Stolper Heide.

Joe Otto, der sich als Starter noch voller Zuversicht auf den Weg zum ersten Abschlag gemacht hatte, um die Clubmitgliedern bei der Bedienung der neuen App – natürlich mit Mindestabstand – zu beraten, ist der digitale Schiffbruch ein großes Ärgernis: „Ich verstehe nicht, wie man so etwas auf den Markt werfen kann.“ Auch sei ihm nicht begreiflich, warum der DGV nicht selbst eine App programmiert habe, sondern stattdessen eine externe Firma damit beauftragt habe.

Chance auf Akzeptanz vertan

Im Kontext der Corona-Pandemie hätte die elektronische Scorekarte das Zeug dazu gehabt, sich schneller durchzusetzen, als der DGV zu hoffen gewagt hat. Statt Probleme zu lösen, verursacht die digitale Technik jedoch zusätzliche Schwierigkeit und dürfte es deshalb zukünftig sogar noch schwerer haben, seinen festen Platz im Turniergeschehen zu finden.

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